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Der russische Löwe Georg Hackenschmidt




Am 2. August 1877 in Jonrief bei Dorpat, Estland (das später Teil des russischen Reiches wurde), geboren, war Hackenschmidt trotz seines deutschen Namens der Sohn eines schwedischen Färbers. 1896 hob Hackenschmidt zum Scherz das Pferd seines Milchmannes hoch und trug es auf den Schultern umher. Zwei Jahre später schon trat er vor einer sehr aristokratischen Gesellschaft in St. Petersburg auf. Die Arena der Reitbahn des Grafen Ribeaupierre, Stallmeister des Zaren von Rußland, hatte sich an jenem Nachmittag im Jahre 1898 gefüllt. Die vornehme Welt von St. Petersburg war gekommen, um einem Kräftevergleich zwischen zwei Pferden des Grafen und dem jungen Studenten Georg Hackenschmidt beizuwohnen, von dem es hieß, daß er der stärkste Mann seit Herkules sei. Während Georg in jeder Hand ein Paar Zügel hielt, wurden die Pferde in entgegengesetzte Richtung angetrieben. Die Peitschen knallten, die Pferde stemmten sich gegen den Boden, den ihre Hufe aufwühlten. Als die keuchenden Pferde das ungleiche Ringen aufgaben, brachen die aristokratischen Zuschauer in enthusiastischen Jubel aus. Nun hob Hackenschmidt fünf von den Reitknechten gleichzeitig aus und trug sie über seinem Kopf rund um die Arena.
Am Abend dieses Tages erhielt Hackenschmidt einen schönen Silberkelch aus der Hand des Zaren.
Im einarmigen Schrauben hielt Hackenschmidt den Amateur-Rekord mit 122 kg. 1898 besiegte er in St. Petersburg den französischen Champion Pons in 45 Minuten und wurde im gleichen Jahr Weltmeister im griechisch-römischen Ringstil. Mit zweiundzwanzig Jahren war er der russische Champion im Gewichtheben und Ringen. Im Jahre 1900 kämpfte er schon als Profi. Von diesem Jahr an bis 1911, als er sich zurückzog, wurde Hackenschmidt im griechisch-römischen Ringen niemals besiegt.
Als Gewichtheber stellte er mehrere Weltrekorde auf, beispielsweise indem er mit einer Hand ein Gewicht von 269,25 engl. Pfund (also etwa 121kg) hob. Als Spitzenklasse-Ringer hatte Georg Hackenschmidt in jener Zeit einen ausgezeichneten Ruf, hielt er doch lange Zeit den Europa- und Weltmeistertitel. In rund 3000 Kämpfen zwischen 1898 und 1908 soll er nicht einmal auf die Schulter gezwungen worden sein. Viele seiner Gegner fanden sich bereits besiegt in der Umkleidekabine wieder, ehe sie durch den Kampf in Schweiß geraten waren. Er überwand in München fünf Berufsringer in 7 Minuten, in Paris fünf in 6 Minuten und in New York sechs Berufsringer in 18 Minuten. Auf seiner Australientournee 1904 waren seine zwei gefürchtetsten Gegner zwei Hindus, Buttan Singh und Gunqua Brahm, beide außergewöhnlich stämmige und gewandte Männer. Er warf die beiden innerhalb von 9 Minuten am gleichen Abend. Hackenschmidt behauptete: Meine Stärke war eine Naturgabe. Er konnte mit einer Hand 10,5 Stone (etwa 66,6 kg) Gewichte aus der Schulter ein dutzendmal drücken.
Im Jahre 1902 kam Hackenschmidt bereits als der russische Löwe nach England. Hier kämpfte er viele Runden und besiegte am laufenden Band alle Gegner, welches Gewicht oder welche Nationalität sie auch hatten. Der vielleicht berühmteste Kampf, der von C. B. Cochran gemanagt wurde, fand zur Olympiade statt. Er besiegte Antonis Pieri, den schrecklichen Griechen gleich zweimal, der daraufhin den berühmten türkischen Ringer Ahmed Madrali anwarb, ihn zu rächen. Hackenschmidt äußerte sich später dazu einmal in der Times: Ich glaube, ich wurde mit 1000 Pfund für den Kampf honoriert, eine Menge Geld in jenen Tagen, und es gab eine Wettprämie von 200 Pfund. Ich trainierte für den Kampf in einer Kneipe in Shepherd's Bush. Ich glaubte, wenn Madrali mich bezwänge, würde ich nie wieder fähig sein, aufzusteigen. So trainierte ich, indem ich rund um die Kneipe mit einem 5-Zentner-Zementsack auf meinen Schultern lief, und Jack Grumley, der über 16 Stone wog, saß oben drauf. Beinahe 900 engl. Pfund (also insgesamt über 7 Zentner) alles zusammen - es war ein ganz schönes Gewicht zu bewegen. Der Kampf, der die Phantasie des Landes in Anspruch nahm, fand statt zu einer vollbesetzten Olympiade im Januar 1904. Begeisterte junge Leute zahlten 25Guineen für die besten Plätze - und bedauerten dies schnell. Der Kampf war in 44 Sekunden zu Ende. Madrali machte eine Bewegung nach meiner Taille, und ich ergriff ihn, hob ihn von seinen Füßen und warf ihn zu Boden, wobei sein Arm ausgekugelt wurde. Er mußte aufgeben.
In einem Revanchekampf gewann Hackenschmidt wieder in kurzer Zeit. Er setzte seine Bemühungen fort, sich fit zu halten, und blieb bis ins hohe Alter in gutem Training. Er führte Langläufe von 30 bis 40 Minuten durch. Auch Springen war immer eine seiner Stärken. Im Jahre 1902 sprang er wegen einer Wette l00 mal mit geschlossenen Füßen über einen Tisch.
Im ersten Weltkrieg war Hackenschmidt in deutscher Kriegsgefangenschaft. Später heiratete er eine Französin und wurde französischer Staatsbürger. Mit sechsundfünfzig Jahren pflegte er vor dem Frühstück l0 mal in schneller Folge über ein 137cm hohes Brett zu springen. Noch mit fünfundachtzig Jahren sprang er einmal pro Woche, also im Jahr etwa 50mal, über die Stuhllehne.
19f45 kam er mit seiner Frau nach London, und fünf Jahre später verwirklichte sich ein langjähriger Wunsch: Er erhielt die britische Staatsbürgerschaft.
Außerhalb des Ringes war er ein Mann mit liebenswürdigem Betragen, gepflegten Manieren und nahezu asketischen Sitten. Er genoß weder Alkohol noch Tabak. Und obwohl er während seiner Glanzzeit ein ungeheurer Fleischesser war, wurde er später ein strenger Vegetarier. Einige Zeit nach Beendigung seiner aktiven Karriere durchlief er eine Schule der Körperkultur. Aber sein Hauptinteresse galt der Entwicklung eines Systems einer persönlichen Philosophie, das er im deutschen Internierungslager begonnen hatte. Die Grundsätze dieser Philosophie wurden in einem seiner sechs Bücher ausgedrückt, Man and Cosmic Antagonism to Mind and Spirit (Mensch und kosmischer Gegensatz zu Sinn und Geist), das er 1935 veröffentlichte.
Der Welt-Ringkampf-Champion und Kraftakrobat Georg Hackenschmidt starb am 19. Februar 1968 in Dulwich im Alter von neunzig Jahren.
 

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John Grün, der stärkste Mann der Welt aus Luxemburg




Als John Grün am 27. August 1868 im luxemburgischen Mondorf geboren wurde, lebte man in der sogenannten guten alten Zeit, in der die Postkutschen noch fuhren. Vor allem auf dem Dorf verlief ein Tag wie der andere ohne große Höhepunkte. So war es eine willkommene Abwechslung, wenn der Klempnermeister Grün mit seinem erstaunlich schnell heranwachsenden Sproß auf einem Eselskarren durch die Dörfer, fuhr, um seine Kunden zu bedienen. Dieser Sohn John war aber auch erstaunlich. Schon mit acht Jahren war er nicht nur ein geschickter Geselle des Vaters, sondern zudem noch außergewöhnlich kräftig. Er konnte seine Kraft schon als Kind mit manchem Erwachsenen messen.
John war zwanzig Jahre, als er einen Familienstreit entfesselte, weil er in die Weit hinaus wollte, heraus aus dem kleinen Mondorf. Sein Freund, der Pferdehändler Klein, wollte den Sprung über den Ozean wagen. In der kalten Nacht des 7. Februar 1889 betraten Grün und Klein die -Planken der Swyzerland, und einige Wochen später landeten sie in St. Louis. Dort fand Grün eine Stellung in einer Brauerei, wo er seine Kraft nach Herzenslust an Bierfässern austoben konnte.
Als er eines Tages eine Vorstellung des damals stärksten Mannes von Amerika, Aloyse Marx, besuchte, bewies John Grün, daß er diesen Leistungen ebenfalls gewachsen war. Marx erkannte sofort die erstaunlichen Kräfte, nahm den Luxemburger in seine Truppe auf und bildete ihn weiter aus.
Da die beiden Athleten von der Gestalt her eine gewisse Ähnlichkeit hatten, traten sie als Brüder auf und nannten sich Marx Brothers.
Nun erfüllte sich John Grüns Wunsch, die Welt zu sehen, in einer nie geahnten Weise. Er bereiste Nord- und Südamerika, Australien, Südafrika und fast ganz Europa.
Wegen einiger Streitfragen trennten sich Aloyse und John. John Grün tat sich nun mit Miss Fanny, der damaligen stärksten Frau der Welt, zusammen und wurde noch mehr umworben. In den Jahren 1890/91 schlug Grün die Amerika-Meister Samson und Johnson sowie den langjährigen Weltmeister Wohlland aus Schweden. Nach diesen Siegen ließ sich John im Jahre 1892 als Stärkster Mann der Welt feiern. Nachdem John Grün fast ganz Europa bereist hatte, betrat er 1892, drei Jahre nach seiner Abreise, zum ersten mal wieder Luxemburger Boden. Im ganzen Land und besonders in Mondorf wurde er umjubelt. Man erinnerte sich noch lebhaft an den abenteuerlustigen Sohn des ehrbaren Klempnermeisters und erzählte sich so manche Anekdote von seinen Kraftleistungen.
Beispielsweise gab es einmal Streit in der Wirtsstube von Mondorf. Aus dem Wortgefecht entwickelte sich in der gut besuchten Wirtschaft eine Schlägerei mit einem ohrenbetäubenden Lärm. Als John vorbeikam, tat er das einzig Richtige: Er öffnete die Wirtshaustür sperrangelweit, und dann griff er wahllos in den Haufen der Schlagenden und warf Mann um Mann durch die Türöffnung auf das Straßenpflaster. Er war so im Eifer, daß er am Schluß noch ins Leere griff und erst daraufhin stutzig wurde und fragte: Ja, ist denn aber nun gar keiner mehr da?
Als der Pferdehändler Klein einmal von einem stürzenden schweren Hengst unglücklich begraben wurde, sprang John geistesgegenwärtig hinzu, faßte den um sich tretenden Hengst und warf ihn zur Seite, als ob er ein Sack Kartoffeln wäre. Dann hob er den Pferdehändler auf. Der brauchte einige Zeit, um sich von dem Todesschreck zu erholen und bedankte sich dann bei seinem Lebensretter. Aus dieser Bekanntschaft entwickelte sich die Freundschaft, die Grün schließlich nach Amerika führte.
Die Manager verlangten von John Grün immer neue Sensationen. So sprengte er mit toller Begeisterung Ketten, brach Hufeisen, stemmte Eisenstangen, hob verschiedene Lasten mit seinen Zähnen, zerriß Kartenspiele und wurde zu einem gefeierten Helden.
Anläßlich der Petersmesse in Trier geriet John Grün 1896 an den Kraftmesser, den heute noch bekannten Lukas. Der Eigentümer forderte wie jeden Vorübergehenden auch John auf, einmal auf den Lukas zu hauen. Auf Grüns Frage, wie fest man zuschlagen dürfe, rief der Schausteller: So fest Sie könnende fester, desto besser! Wenn Sie so fest zuschlagen, daß der Lukas die obere Schelle berührt, sollen Sie als der Stärkste eine Medaille ins Knopfloch bekommen. Grün entrichtete seinen Obolus, ergriff den Hammer nur mit einer Hand und schlug so zu, daß der Kasten zerbrach und der Keil tief in den Erdboden drang, der Lukas aber riß die Schelle ab und flog mit ihr gen Himmel. Der Eigentümer, über alle Maßen erschreckt, suchte erfolglos seinen Lukas. Grün erkundigte sich nach dem Preis für den Lukas, um dem Mann seinen Schaden ersetzen zu können. Doch dieser erklärte, daß er ihn von Berlin habe und hier keinen neuen bekomme. Endlich kam ein Junge von der anderen Seite des Messeplatzes gelaufen und brachte den vom Himmel gefallenen Lukas wieder.
Seinen letzten großen Auftritt hatte John Grün 1909 in Esch an der Alzette. Kurz darauf, als er in Holland ein Karussell mit fünfzehn Personen in die Höhe gehoben und in Bewegung gesetzt hatte, erlitt er einen Schlaganfall, der ihn seiner Stimme beraubte und das weitere Auftreten als Kraftakrobat unmöglich machte.
1910 übernahm John in der Nähe von London einen kleinen Hotelbetrieb; doch zu jener Zeit war er schon ein gebrochener Mann, und er wurde seinen Verpflichtungen bald nicht mehr gerecht.
Am Jahresbeginn 1912 kehrte er schwerkrank in die Heimat zurück. Zusehends schwanden seine Kräfte, und er siechte dahin, bis er am 3. November 1912 im Alter von vierundvierzig Jahren in Abgeschiedenheit und Armut starb.
John Grüns Freunde charakterisierten ihn als einen freigebigen Menschen von unendlicher Güte, der das Kostbarste, was er besaß, seine Kraft, Von eigennützigen Managern angetrieben, vergeudet hatte.
Verdrängt, fast so, als ob man es vergessen sollte, steht sein Denkmal heute in einer Ecke der Frantz-Clement-Straße von Bad Mondorf. Auf der schlichten, schon etwas verwitterten Steinsäule ist zu lesen:
John Grün, roi de la Force John Grün, König der Kraft
Der Sockel des Gedenksteines zeigt in schwarzem Guß den Kraftakrobaten, wie er mit dem rechten Oberarmmuskel eine Kette sprengt.
 

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Weibliche Herkulesse





Kraftathletinnen sind zwar nicht alltäglich, doch so selten auch wieder nicht. Schon eine der Gattinnen Kaiser Karl IV. (1316-1378), Elisabeth von Pommern, machte von sich reden, als sie mit ihren zart erscheinenden Fingern Hufeisen zerbrach, Schwerter bog, ja so will es wenigstens die Fama wissen - sogar zwischen den Händen Kieselsteine zermalmte. Die kaiserliche Amateurin unter den Athleten soll ihre Künste gern zum Erstaunen des kunstsinnigen Hofes vorgeführt haben.
Die Löwenjägerin Banu Guschap aus Persien pflegte die Großkatzen mit einem einzigen Säbelhieb zu töten.
Aus München stammt eine Postkarte, die eine außergewöhnlich starke Frau zeigt: 3 Bierfäßchen und 22 gefüllte Humpen trägt sie auf der Brust und mit ausgestreckten Armen in den Händen. Ein weiblicher Herkules, von dem leider kein Name überliefert ist. Wir wissen nur, daß dieses Münchner Kindl auch Taler zwischen den kräftigen Fingern zerbrochen haben soll.
Elise Serafin Luftmann, eine Lithographie von 1830
Als erste berufsmäßige Athletin Deutschlands gilt Elise Serafin Luftmann, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bekannt wurde. Sie arbeitete vor allem mit schweren Gewichten, mit Hanteln und Kanonenkugeln.
Nach ihr erregte ein gewisses Fräulein Darnett Aufsehen, die zum Schluß ihrer Kraftübungen einen sensationellen Trick zeigte: Sie stemmte Hände und Füße auf den Boden wie bei einer Brücke, ließ sich eine Holztafel auflegen, die von den Knien bis zum Hals reichte, darauf stellte man ein Piano. Ein Spieler setzte sich daran und spielte einen Walzer, zu dem die kräftige, aber durchaus nicht füllige Dame noch sang.
Die Französin Madame Elise, die etwa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts populär wurde, bog wie ihre männlichen Kollegen Hufeisen, zerriß Ketten, trug über eine ausgetüftelte Konstruktion Gewichte und zwei Männer mit einem Gesamtgewicht von 11 Zentnern und wagte es sogar, von einem Gerüst aus einen kleinen Elefanten einen Fuß vom Boden aufzuheben.
Von 1901 stammt ein Foto, das eine erst vierzehnjährige Kraftakrobatin zeigt, die sich das Variete erobert hatte: ein Fräulein Müller. Etwas später tauchte das weibliche Kraftwunder Antonet auf, das insbesondere kraftsportliche Demonstrationen vorführte, die Muskeln spielen ließ, starke Expander über den Rücken zog und mit dem Brustkorb Ketten sprengte. Besonders letzteres war sehr beliebt.
Miss Athleta, 1868 in Antwerpen geboren, trat als die stärkste Frau der Welt auf, jonglierte mit 20 kg schweren Stahlkugeln, marschierte mit einer schweren Eisenstange und vier Männern auf dem Rücken durch die Manege und trug 1894 ein Brett mit zwei Pferden. Im Mai 1895 bewies sie ihr Können im 1. Männer-Stemm-Club in München vor Hans Beck und Hans Steyrer. 1907 kam sie als Madame Athleta nach Deutschland zurück und brachte ihre drei Töchter mit. Ihre älteste Tochter war das Ebenbild der Mutter und wurde als die belgische Kraftakrobatin Brada bekannt.
La belle Gina kopierte und übertraf Miss Athleta dadurch, daß sie ein Brett mit neun Männern trug.
Als wirkliche Könnerinnen wurden außerdem bekannt: Marie, Barbara und Eugenie Brumbach, Eugenie Wermke, Madame Roszkowska, Marie Loors, Betty Laars, Linda Belling, deren Hebeleistungen in Athletenvereinen kontrolliert wurden, so daß dabei nicht gemogelt werden konnte. Marie Loors hob mit den Zähnen einen Stuhl, auf dem ein schwerer Mann saß, und balancierte auf dem Rücken liegend eine mit 450 kg belastete Bohle. Sie alle wurden jedoch übertreffen vom 1884 in München geborenen Kätchen Brumbach (auch Kathi), die unter dem Artistennamen Katharina die Große und Sandwina Weltruf erlangte. Die Tochter des herkulischen Philipp Brumbach, Sproß einer uralten Zirkusfamilie, wuchs mit ihren fünfzehn Geschwistern zwischen Kraftakrobaten auf und galt schon mit sechzehn Jahren als Weltmeisterin in der Schwergewichtsathletik. Einarmig stemmte sie 75 kg. Eines Tages brannte Kätchen durch und kehrte mit einem Mann und einer neuen Darbietung zurück: Zwei Sandwinas, eine Kraft-Hebenummer, bei der sie als Untermann ihren Mann, Max Hemmann, auf Händen balancierte. Als ihr Mann 1914 zum Militär eingezogen wurde, verwandelte sich Kätchen in die Kraftjongleuse Katharina die Große. Ab 1919 nannte sie sich Sandwina. Sie jonglierte mit 15 bis 25kg schweren Stahlkugeln und fing sie mit dem Nacken aus 5 bis 6m Höhe auf; sie zerriß spielend Ketten von 4 mm Dicke und trug bis zu vier Männer auf einmal. Auf einem Nagelbrett liegend, ließ sie sich einen Originalamboß auf die Brust stellen, auf den zwei oder drei Männer mit Hämmern einschlugen. Man legte auch eine Brücke über ihre Brust, die Menschen, Pferde und ein Auto passierten... Den Schlußtrick bildete das bekannte Karussell, das Sandwina liegend auf der Brust trug und auf dem sich sechs Personen drehten.
Während eines Aufenthaltes in Berlin wurde Katharina in einen Prozeß verwickelt. Schuld daran war ihre immense Kraft. Als sie in einer schönen Maiennacht in der Friedrichstraße spazierenging, wurde sie von einem jungen Mann belästigt. Die holde Katharina versetzte ihm eine solche Ohrfeige, daß er über den Fußweg bis in die Schaufenster eines nahegelegenen Cafes flog. Der Wirt wollte die zertrümmerte Fensterscheibe und einige Dekorationstorten ersetzt haben. Der junge Mann hatte eine verletzte Wange, eine zerschnittene Hose und eine mit Creme beschmierte Jacke. Der Cafe-Wirt und der junge Mann verklagten die schlagkräftige Artistin, für die der Prozeß eine gute Reklame darstellte.
Sandwina und Siegmund Breitbart waren einmal zur gleichen Zeit in Köln engagiert. Als an einem Sonntagvormittag Siegmund Breitbart eine Gratis-Vorstellung gab, zeigte er auch seinen Kettentrick. Da erkannte er unter den Zuschauern Sandwina. Vier Millimeter, das ist Weltrekord! Hier, Kätchen, damit können Sie trainieren! Mit diesen Worten warf er ihr eine Kette zu. Sandwina zog die Handschuhe und Ringe von den Händen, zerriß die Kette scheinbar mühelos und warf Siegmund Breitbart die Kettenteile zurück: Da, Breitbart, mein Training ist beendet! Es war beiden Kraftakrobaten unangenehm, in einer Stadt zur gleichen Zeit auftreten zu müssen. Schließlich war auch die Kraftakrobatik ein Geschäft, ein Gelderwerb wie alle anderen artistischen Berufe. Beide verhielten sich aber fortan kollegial zueinander.
Sandwina bog in verblüffender Schnelligkeit, wie Siegmund Breitbart, aus 7,5 mm dicken Rundeisenstangen formschöne Gitterornamente.
Als klassische Kraftakrobatin, eine Art weibliches Pendant zum Starathleten Breitbart (und übrigens in gleicher Gladiatoren-Aufmachung arbeitend wie er) bereiste Sandwina die ganze Welt, verdiente ein Vermögen und war im Privatleben eine Dame von Welt mit eigener Dienerschaft.
In den zwanziger Jahren vollzog sich ein Wandel in der Darstellungsform der Kraftakrobatik; bloße Trickdemonstrationen (Kraft- und Belastungsproben) traten zugunsten artistisch ausgearbeiteter Darbietungen in den Hintergrund. Die Modernisierung der Athletik zeigte sich unter anderem in der Hinwendung zu lebenden Gewichten, das heißt akrobatischen Partnernummern. Ria Roepel stellte beispielsweise im Juni 1921 im Hamburger Zirkus Busch einen modernen Kraftakt (allerdings nicht als Pärtnernummer) vor und ging anschließend auf eine sehr erfolgreiche Hollandtournee.
Als Kind einer bekannten Artistenfamilie hatte die um 1900 in Breslau geborene Edda Rudolph-Buschold mit zwölf Jahren in der Darbietung ihrer Eltern mitgewirkt. Es wurden schwierige Krafttricks ausgeführt, bei denen sie sich bereits als Untermann bewährte. Sogar zwei Partner schleuderte sie mittels eines Gestelles hoch. Um 1921 machte sie sich mit einer Zahnkraft-Nummer unter dem Namen Eise Rohden selbständig. Schließlich wurde diese Darbietung von ihr als Hera Artemis im Gladiatorenkostüm gezeigt. Nach 1945 arbeitete sie unter dem Namen Edda Record, mußte aber 1950 infolge einer Krankheit ihren Beruf aufgeben. Sie zeigte Expanderarbeit bis 100 kg Spannkraft und Schleudertricks mit Kugelgewichten bis 60 kg, wobei sie die Gewichte und Gegenstände (Tische u. ä.) mitunter auch mit ihren Zähnen hielt.
Auch die berühmte Charlotte Rickert stellte - allerdings einige Jahre später - ihre Arbeit zu einer Dreiergruppe (Charlotte Rickert, Marlies Rickert und Assistentin) um, die als größte weibliche Kraftsportsensation der Zeit (1939) firmierte. Charlotte Rickert hatte Sandwinas Nachfolge als stärkste Frau der Welt angetreten. Von ihrem Vater, einem Gewichtheber von Rang, war sie von Kind an systematisch trainiert worden - vor allem mit Expandern. Sechzehnjährig schaffte sie bereits einen Expander mit 300 kg Spannkraft; was sie später noch zu steigern verstand. Bereits im jugendlichen Alter trat sie im internationalen Variete auf. Ihr Glanztrick bestand darin, eine 30kg schwere Straßenbahnbremsfeder aus Stahl mühelos zu entspannen. Im Gegensatz zu vielen ' ihrer Vorgängerinnen war Charlotte Rickert geradezu ein zierliches Personellen, das sich mit jugendlich-frischem Charme die Sympathien des Publikums eroberte.
Etwa zur gleichen Zeit wurde die Jugoslawin Draga Draskovic bekannt, die sich mit dem Flair der großen Abenteurerin umgab. Als Kraftakrobatin bevorzugte sie den traditionellen Stil. Sie hob Gewichte, zerriß Eisenketten und ließ sich von einem Pkw mit Insassen (Gesamtgewicht 2500 kg) überfahren, wobei sie aber auf dem Bauch lag und nur die beiden rechten Räder des Sportwagens über ihr Gesäß rollten.
In den zwanziger Jahren wurden auch für kurze Zeit Damenringkämpfe und -boxkämpfe modern, aber diese Erscheinung verlor bald den Reiz des Neuen und machte wieder der echten Artistik Platz.
Die beiden blonden, gutgewachsenen Deluca-Sisters, Töchter des Stummfilmdarstellers Ernst Kiwitt, der als Maciste in Die letzten Tage von Pompeji und Quo vadis als Athlet mitwirkte, erfuhren schon als Kinder ein hartes Training. Mitte der zwanziger Jahre kamen sie mit einer Kraftakrobatikdarbietung heraus, die sie schnell berühmt machte. Paula fing mit dem Nacken eine 60kg schwere Granate auf. Als sie 1936 eine besonders schwere Stahlkugel auffangen wollte, zerschmetterte diese der erst Zweiundzwahzigjährigen den Kopf. Elsa Deluca fand schließlich eine neue Partnerin, mit der sie noch mehrere Jahre arbeitete, bis sie kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges von der Bühne zurücktrat. Bis zu ihrem Tode 1956 leitete sie dann das elterliche Restaurant in Bad Honnef.
In der jüngsten Vergangenheit machten sich als weibliche Herkulesse vor allem Joan Rhodes und Miss Atlas einen Namen. Von Joan Rhodes ging vor einigen Jahren eine Episode durch die Zeitungen der Welt: Die Dame, die allabendlich Telefonbücher zerreißt und Stahlstangen Verbiegt, findet keinen Mann! Jeder fürchtet die Kräfte dieser starken Vertreterin des schwachen Geschlechts... Als die Nachricht noch immer kolportiert wurde, war Joan Rhodes längst verheiratet! Man hat Joan Rhodes als die schönste Kraftakrobatin der Welt bezeichnet -und das sicher nicht zu Unrecht, denn die schlanke Frau mit der Mannequinfigur ist bildhübsch. Nichts erinnert an einen weiblichen Kraftprotz von einst, und doch braucht sich Joan Rhodes mit ihren Leistungen nicht vor ihren Vorgängerinnen zu verstecken.
Miss Atlas (Gerda Rogge) dagegen ist fülliger, sie bringt einiges mehr an Gewicht auf die Waage. Sie firmiert als stärkste Frau der Welt und zeigt vorwiegend Stirn-Kraft-Balancen. 1935 in Pirna geboren (mit dem beachtlichen Geburtsgewicht Von 6031 g), stammt Miss Atlas aus der Artistenfamilie Rogge und trat gemeinsam mit ihren beiden Schwestern in der bekannten Kugellaufnummer Rogge Sisters auf. Mit dieser Nummer bereisten die Rogges zahlreiche europäische Länder. Wählend dieser Arbeit wuchs in ihr der Wunsch, eine Kraftakrobatin zu werden. Als die beiden Schwestern durch Heirat aus der Nummer ausschieden, begann sie Requisiten zu konstruieren, die für ihre neue Darbietung gedacht waren. Obwohl ihr alle abrieten, weil eine derartige Arbeit - Kraftbalancen auf der Stirn - für eine Frau unmöglich sei, ließ sich die Artistin nicht beirren. Ihre Karriere als Kraftakrobatin begann Miß Atlas 1962 beim Zirkus Sarrasani. Danach gastierte sie viele Jahre in den USA, wo sie als Sensationsnummer herausgestellt - des öfteren auf ihre Konstitution hin untersucht wurde. Miß Atlas balanciert beispielsweise auf der Stirn ein schweres Gestell mit Fahnen, einen Riesenglobus oder einen Stuhl, auf dem ihre Partnerin sitzt (Gesamtgewicht 117kg); der Stuhl wird dabei auf nur einem Bein balanciert. Sie hebt auch Herren aus dem Publikum auf einem Barhocker auf ihre Stirn, der bisher schwerste Besucher wog 106kg. In ihre Darbietung hat sie auch wieder Kugellaufen als Eröffnungstrick eingebaut. Mit einem schweren Gestell, das sie auf der Stirn balanciert, übersteigt sie eine hohe Leiter. Miss Atlas und ihre Partnerin Laila hatten bisher in fast allen Erdteilen Engagements, in Zirkussen, Varietes und Shows. Nach ihrer eigenen Aussage fühlt sie sich heute noch genauso stark wie zu Beginn ihrer Laufbahn.
 

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Spezialisten der Fingerkraft




Franz Föttinger war in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Stärkste Mann Wiens mit seinen Spezialleistungen. Er trainierte hart, um die Kraft seiner Finger auf das höchste zu steigern, und brachte es allmählich zu Leistungen, die, so einfach sie aussahen, als unübertroffen gelten konnten.
Franz Föttinger
Als er 1896 sein neunundfünfzigstes Lebensjahr erreicht hatte, hob er noch mit den bloßen Fingerspitzen eine polierte Nähnadel, an der ein Gesamtgewicht von 26 Pfund hing. Die Nadel war in einen Holzklotz geschlagen, an den Gewichte gehängt wurden.
Föttinger setzte 100 Gulden als Preis für denjenigen aus, der seine Leistungen wiederholen könnte. Es gelang aber niemandem, diese Prämie zu kassieren.
Ein weiterer Spezialist der Alte-Herren-Klasse war der 1825 bei Dachau geborene Landkrämer Josef Siegl aus Schwabhausen, der als achtundsechzigjähriger Kriegsveteran im Jahre 1893 in der Münchner Redaktion der Internationalen Illustrierten Athletenzeitung seine ausgefallene Kraftproduktion erstmals vorführte. Er benutzte eine 1,33 m lange Stange und befestigte daran am äußersten Ende an einem Haken ein gewöhnliches Krämergewicht
Josef Siegl
von 4 Pfund. Das Gewicht an der Stange wurde zunächst auf einem Tisch abgesetzt. Vom anderen Ende der Stange aus hob er das Gewicht mit der linken Hand und gestrecktem Arm langsam, ohne den geringsten Ruck und ohne mit dem Körper von der Stelle zu weichen, vom Tisch weg in die Höhe. Der Daumen war gestreckt an der Stange angelegt und durfte während der Übung nicht verrutschen. Danach hängte er noch ein Gewicht an und hob somit 5 Pfund. Schließlich ließ er 4 Pfund an der Stange mit gestrecktem Arm von der Höhe langsam auf den Kopf eines Mannes herunter und hob die Last dann wieder an.
So unscheinbar diese Produktionen aussahen, so schwer waren sie auszuführen.
Josef Siegl fand erst acht Jahre später einen Konkurrenten in dem Münchner Kraftspezialisten und Theoretiker des Kraftsports Hermann Weil. Weil selbst schrieb 1909 in der Illustrierten Sportzeitung München über Josef Siegl unter anderem:
Es ist zu verwundern, daß dieser Mann, trotz der zahlreichen Strapazen und Entbehrungen während seines langen Militärdienstes und der vielen Feldzüge, imstande war, noch im letzten Jahre seines Lebens (1908 starb er im Alter von dreiundachtzig Jahren) seine gewohnten Leistungen zu machen. Siegl war in seinem Leben nie krank. Er war von mittlerer Größe und machte außer seiner beschriebenen Spezialleistung keinerlei andere Kraftübungen...
Philipp-Brumbach, der Vater der berühmten Kraftakrobatin Sandwina, hob um 1883 im Allgäuer Füssen auf dem Marktplatz mit dem Mittelfinger einen Stein von 583 Pfund an einem Ring in die Höhe. Er war auch jederzeit bereit, mit dem kleinen Finger 4, dem Ringfinger 5 und mit dem Mittelfinger 6 Zentner zu heben. Brumbach verdiente sich noch 1927 im vierundsiebzigsten Lebensjahr sein Brot als Athlet im eigenen Wanderzirkus. Selbst seine Frau dachte mit fünfzig Jahren nicht daran, als Kraftdame aufzugeben, und setzte ihre Prämien auf ihren Pferdezug aus.
Heute noch versuchen sich jedes Jahr zur Starkbierzeit die stärksten Männer aus ganz Bayern daran, in einem Münchner Bierkeller den 508-Pfund-Stein des Steyrer Hans zu heben. Doch noch keiner schaffte es bisher. Wer war nun der besagte Steyrer Hans, der als ein Pionier des Berufssports, als sympathischer Wirt, aber vor allem als Kraftmensch, der bayrische Herkules, noch immer in Liedern besungen und in Versen verehrt wird?
Am Stadtrand von München, in Obermenzing, erinnert heute noch die Steyrerstraße daran, daß dort ein Wirtsgeschlecht namens Steyrer seßhaft war. Hans wurde 1849 als Sohn der Metzger- und Wirtsleute Steyrer geboren. Er gab schon als Kind Proben seiner überdurchschnittlichen Kraft ab, und es fand sich unter den Buben bald keiner mehr, der ihn beim Rangeln und Ringen hätte besiegen können. 1863 zog die Familie Steyrer nach München und übernahm dort die Gastwirtschaft Wilhelm Teil.
Die bayrische Heldenlegende dichtet Hans schon für seine Lehrzeit beim Metzgermeister Abenthum enorme Kraft an. Danach soll er mit fünfzehn Jahren die stärksten Stiere gebändigt haben. Die schwere Arbeit und das gute Essen in der Metzgerei ließen ihn zum Schwerathleten werden. Zunächst spielte er nur übermütig mit seiner Kraft. Erst als Geselle lernte er im Isartal alle Finessen des Rangeins und Fingerhakelns näher kennen. Dort erprobte er auch das Steineheben, das später zu seiner Spezialdisziplin wurde. Er hatte in seinem Mittelfinger mehr Kraft als die meisten Schwerathleten seiner Zeit in beiden Armen.
In seiner Militärzeit, die bis in den Krieg 1870/71 hinein reichte, wurde aus dem Jüngling ein durchtrainierter Mann. Durch das Stemmen von Rädern und ausrangierten Kanonenrohren sowie die vielen Vergleiche und Wettstreite mit anderen Soldaten wurde sein Selbstvertrauen gestärkt. Er begriff sehr schnell, daß er mit seinen Kraftakten mehr Geld verdienen konnte als mit der Metzgerei.
Da es zu seiner Zeit in Deutschland nur wenige Kraftsportvereine gab, versuchte es der Steyrer Hans beim Zirkus. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in der Münchner Wartendhalle lag sein Heberekord bei 375 Pfund. Dieses Gewicht (als Stein) hob er mit einem Mittelfinger am blanken Eisenring. In kurzer Zeit stellte er sich ein regelrechtes Show-Kraftprogramm zusammen. Zu seinen Darbietungen gehörten unter anderen das Verbiegen von Hufeisen, das Jonglieren mit Kanonenrohren und das Stemmen von Bierfässern. Für das Heben des 375 Pfund schweren Steines setzte er in Breslau, Leipzig, Berlin, Hamburg und anderen Städten eine Prämie von 1000 Mark aus. Obwohl namhafte andere Kraftakrobaten auftauchten, so in Wien Jagendorfer, Stöhr, Ziegler und Rohrer, in Berlin Grün und Ernest und in Hamburg Karl Abs, die sich alle an diesem Stein versuchten, konnte dem Bayrischen Herkules niemand diese Prämie abgewinnen. Bis 1879 erhöhte er das Gewicht seines Hebesteines auf 528 Pfund. Seinen Heberekord erzielte er 1879 im Zirkus Herzog. Da der Steinbrocken sehr unhandlich war, mußte ein eiserner Ring daran befestigt werden, durch den ein Eisenhaken gezogen wurde. Hans Steyrer stellte sich dann auf ein kleines Podest und hob mit dem Mittelfinger der rechten Hand den Stein hoch. Den Eisenhaken umwickelte er mit Leder. Während dieses Hebeaktes stemmte er mit der linken Hand gleichzeitig eine 50 kg schwere Eisenkugel. Nach seinem 528-Pfund-Rekord erhielt er auch zahlreiche Angebote aus dem Ausland. So trat er als bayrischer Herkules in Holland, Frankreich und Belgien auf. Das Angebot zu einer Tournee durch Amerika soll Hans Steyrer aus Furcht vor der Seekrankheit abgeschlagen haben.
Steyrers gefürchtetster Rivale war Philipp Brumbach, der es geschafft hatte, einen Stein von 583 Pfund zu heben. Mit einer ansehnlichen Gage in der Tasche kehrte Hans Steyrer nach München zurück und nahm sich bald darauf eine Metzgermeisterstochter zur Frau. Sein Geld und die Mitgift seiner Frau reichten aus, um am Stadtrand von München eine Gastwirtschaft zu pachten. Das Lokal wurde in Gasthaus Steyrer Hans umbenannt und zählte nach kurzer Zeit zu Münchens Attraktionen. Speisen und Getränke waren auf den Wirt zugeschnitten. So gab es zum Beispiel Kraftbier und Kraftportionen Schweinefleisch. Neben den preiswerten Speisen und Getränken bot der Steyrer Hans aber auch viel zur Unterhaltung seiner Gäste. Schon der Wirt selbst war eine Sehenswürdigkeit. Er war von großer und massiger Gestalt, trug mit seinen zwei Zentnern ein oberbayrisches Wirtskostüm der Biedermeierzeit und hatte einen fast vierzig Zentimeter langen und beiderseits über das Gesicht gezwirbelten Schnurrbart. Über seinen Bauch spannte sich eine pfundschwere Uhrkette. Sein schmiedeeiserner Spazierstock, der heute im Valentin-Museum zu sehen ist, wog mehr als 20 Pfund. Fremden Gästen bot er zur Begrüßung die etwa 43 Pfund schwere marmorne Schnupftabakdose zur Stärkung an. Seine Gäste und er lachten dann sehr, wenn der Neuling Mühe hatte, das Schächtelchen (in der Größe 30 x 20 x 15 cm) in der Hand zu behalten. Außerdem hatte Hans Steyrer einen Raum neben der Wirtsstube als Privatmuseum eingerichtet. Dort konnten seine Gäste Siegerpreise, Zeitungsausschnitte, Fotos und Athletenzubehör bewundern. Auch seinen Übungsraum im Keller mit Hebesteinen und verschiedenen Trainingsgeräten konnten seine Gäste besichtigen. Welche enorme Fingerkraft Hans Steyrer gehabt hat, davon konnten sich viele inzwischen berühmt gewordene Kraftakrobaten und Kraftsportler wie Türk; Eberle, Hitzler, Koch, Lurich, Beck, Hackenschmidt bei einem Besuch anhand seiner Hebe- und Stemmrequisiten überzeugen.
Neben Brumbach machte ihm ein weiterer den Ruhm im Steineheben streitig. Michael Schart, genannt Schmied Michel, hob im Januar 1893 in London 550 Pfund ebenfalls am blanken Eisenring empor. Doch der Steyrer Hans war sehr erfolgreich. Als sein Sohn Hans alt genug war, ließ er in Zeitungen verkünden, daß an allen Sonn- und Feiertagen den Gästen das marschierende Reck der beiden bayrischen Herkulesse Steyrer Hans sen. und jun. gezeigt werde. Bei dieser Darbietung hielt der Vater mit waagerecht ausgestrecktem Arm eine 80 Pfund schwere Hantel, während sein Sohn an diesem Reck Turnübungen zeigte. Damit auch alle Gäste aus der Nähe zuschauen konnten, marschierte der Vater während der Vorführung mit dem Reck durch das Lokal.
Auch auf dem Münchner Oktoberfest trat Hans Steyrer als Wirt auf. In seiner Wirtsbude Nr. 8 konnte man Kraftbier, Kraftsuppe, Kraftfleisch und anderes erwerben. Selbst die Musiker warben für ihn. Sie trugen Papphüte in Form von Stemmgewichten auf dem Kopf. Auf deren Rückseiten stand Hans Steyrer und auf den Vorderseiten 250 Pfund. Während der Musikpausen verließ der Oktoberwiesn-Wirt den Bierhahn und zeigte auf dem Podium Kraftstücke. Gleichzeitig rief er die Männer im Publikum auf, es ihm gleichzutun. Er setzte sogar Prämien aus. In einem Inserat der Internationalen Illustrierten Athletenzeitung von 1893 konnte man unter der Frage Wo geht man beim Münchner Oktoberfest auf der Festwiese hin? das folgende Gedicht lesen:
Natürlich, sagt jeder und lacht zum Steyrer Hans, Wirtsbude 8. Da gibt's die größt' Gaudi und Hetz. Und a Kraftbier, dös mag wohl a Jed's.
Der Steyrer Hans verstand es sehr gut, seine Kräfte auch für den Umsatz zu nutzen. An der Wirtsbude Nr. 8 war immer etwas los, so daß der Wirt schon 1894 während des Oktoberfestes fast 400 Hektoliter Bier ausschenkte und damit Wiesnbierkönig wurde. Jahre später setzte er zur Wiesneröffnung seine kostümierten Kellnerinnen in sieben Zweispänner und zog mit seinen Angehörigen im Vierspänner voraus. So ging es quer durch die Stadt München bis zur Theresienwiese. Doch da er keine polizeiliche Genehmigung für diesen Werbezug hatte, mußte er hundert Goldmark Strafe bezahlen.
Seine Idee wurde jedoch aufgegriffen, und schon im folgenden Jahr beteiligten sich viele andere Wirte am nunmehr polizeilich genehmigten Einzug der Wiesnwirte, der auch heute noch anläßlich der Eröffnung des Oktoberfestes üblich ist.
Mit 50 Jahren begann Hans Steyrer die Wassersucht zu quälen. Trotz seiner Kraft unterlag er der Krankheit. 1906 starb er in München im Alter von siebenundfünfzig Jahren.
 

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Riesen und Kolossalmenschen





Abnormitäten, also Menschen oder Tiere mit angeborenen oder durch Krankheit erworbenen körperlichen Mißbildungen gab es schon immer, die Neugierde der Mitmenschen machte sie zu professionellen oder unfreiwilligen Schauobjekten. Berichte über Schaustellungen von Abnormitäten reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück, und an der Art ihres Auftretens änderte sich bis ins 19. Jahrhundert kaum etwas. In Jahrmarktsbuden, den Side-Shows der Zirkusse oder den amerikanischen Dime-Museen - das berühmteste war das von P. T. Barnum 1892 in New York eröffnete -, waren sie gegen entsprechendes Entgelt zu besichtigen. Viele der Zwerge, Riesen, Haarmenschen, Doppelmenschen (sog. siamesische Zwillinge), Bartfrauen, Albinos, Haut- und Knochenmenschen, Rumpfmenschen, Arm- oder Beinlosen, Vogelköpfe oder Kolossalmenschen wurden dadurch zu besonderen Anziehungspunkten, daß sie sich artistisch produzierten. Es gab Liliputrevuen und Zwergenzirkusse (die Zwergclowns sind auch in den Zirkussen der Gegenwart beliebte Artisten), der armlose Artist C. H. Unthan wurde als Geigenspieler, Kunstschütze und mit anderen erstaunlichen Fertigkeiten weltbekannt.
Während die reine Schaustellung bedauernswerter Mißbildungen, die nur die Sensationslust der Zuschauer befriedigt, als inhuman abzulehnen ist, gibt es für viele Abnormitäten durchaus die Möglichkeit, gerade durch ihren außergewöhnlichen Körperbau artistische Leistungen zu vollbringen, die sie zu einer wahren Attraktion werden lassen.
Insbesondere die Riesen, also Menschen mit ungewöhnlicher Körpergröße, und die unnormal umfangreichen Kolossalmenschen sind zu Krafttricks prädestiniert. Aus der Unzahl von Abnormitäten seien einige Beispiele herausgegriffen, wo solche Menschen auch durch besondere Kraftleistungen bekannt wurden.
Am berühmtesten war unter ihnen wohl Emil Naucke, 1855 auf der Ostseeinsel Poel geboren. Er zählte zu den ersten Berufsringern seiner Zeit und konnte als Kraftakrobat, Radartist und Parodist Erfolge erzielen. Auch sein Großvater, ein Schmied, hatte 518 Pfund gewogen. Naucke erlernte den Beruf eines Bäckers, wechselte jedoch bald zum Schaugeschäft über. Sein Körpergewicht nahm ständig zu. Im Alter von achtunddreißig Jahren mußte er das Ringen bereits ganz aufgeben. Er wog damals 470 Pfund bei einer Körpergröße von 1,70 m! Seinen Leibesumfang von 1,90 m konnte kein Gegner umfassen.
Es ist erstaunlich, daß Emil Naucke trotz seines großen Gewichtes kraftakrobatische Tricks mit Leichtigkeit und Eleganz vorführen konnte. Ein optisch sehr wirkungsvoller Trick war sein Stemmen eines Eisenteils von 106 kg. Während die Gesamtbelastung des Körpers bis auf 700 kg gesteigert wurde, wirkten seine Bewegungen keinesfalls plump. Naucke spielte oft mit einer 37,5 kg schweren Eisenkugel, die er an einer Kette um seinen Körper herum schwenkte und zwischendurch plötzlich mit einem Klatschen auf seinem Genick landen ließ. Nach seinen Berichten hat er diese Übung mitunter einige dutzendmal zur Erholung wiederholt. Er spielte auch in Sketchen, die eigens für ihn geschrieben wurden, komische Rollen, so eine Tänzerin in Pauline vom Ballett. Emil Naucke trat gemeinsam mit Wilhelm Löther als ungleiches Bruderpaar in einer Glanznummer auf, die besonders in Amerika großes Aufsehen erregte. Löther kam aus Weißenfels und wog 472 Pfund. Trotz seines Gewichtes wirkte er weder plump noch häßlich. Diese Tatsache bewog einen Schausteller, den gelernten Steinmetz für die Artistenlaufbahn zu gewinnen. Schon mit achtzehn Jahren wog er 385 Pfund. Löther war an den größten Varietebühnen Deutschlands engagiert.
Ein zweimonatiges Engagement in Petersburg im Jahre 1894 konnte er nicht mehr wahrnehmen. Wilhelm Löther soll ein äußerst gutmütiger, kameradschaftlicher Mensch gewesen sein, der den Humor liebte, schlagfertig und ein guter Gesellschafter war. Die
Der Kolossalmensch und Kraftakrobat Emil Nauke
Vertilgung großer Portionen bei den Mahlzeiten, die man Löther andichtete, ist ein Märchen. Seine Lebensweise war eher sehr mäßig, er trank höchstens l bis 2 Glas Bier, meistens jedoch Selterswasser, und er aß wie jeder normale Mann seines Alters. Löther war sehr vielseitig und sang auch mit einem normalwüchsigen Kollegen im Münchner Bamberger Hof Couplets.
Mit neuhundzwanzig Jahren starb der an Herzverfettung leidende junge Mann 1894 den Erstickungstod.
Auf dem Friedhof in Lengau bei Straßwalchen in Österreich trägt ein schmiedeeisernes Grabkreuz die Aufschrift Franz Winkelmeier, geboren am 27. April 1860, gestorben am 24. August 1887 - gewesener Riese. Der Junge wuchs ganz normal, bis er in seinem vierzehnten Lebensjahr schwer erkrankte. Von der Krankheit erholte er sich zwar wieder, doch leisteten seine Wachstumsdrüsen von diesem Zeitpunkt an mehr als nötig. Es gab viele Probleme mit der Beschaffung passender Kleidung. Sein Bett mußte oft verlängert werden. Erst bei 2,58m Größe kam sein Wachstum zum Stillstand. Während der Musterung für das Militär hatte man kein genügend großes Meßgerät. Er mußte schließlich dienstuntauglich geschrieben werden, weil es an einer passenden Uniform und an einem ausreichend langen Bett fehlte. Kurz danach traf er auf einen geschäftstüchtigen Schneider aus Friedburg, der ihn dazu überredete, mit ihm als ein neues Weltwunder oder als der größte Mann der Welt durch Europa zu ziehen. Der abenteuerlustige ehemalige Schneider brachte den Riesen Winkelmeier dazu, auch Tricks und Kraftakte einzuüben und sie in einem kleinen Programm darzubieten. Der Riesenfranz reiste durch Österreich, Tirol, Oberitalien und Ungarn und wurde auf Jahrmärkten und in Zirkussen gezeigt. In Berlin präsentierte man ihn drei Monate lang in einem Vergnügungstheater den staunenden Zuschauern als den größten Mann der Welt. Franz Winkelmeier war keinesfalls stolz auf seine Größe. Abgesehen von Unannehmlichkeiten im täglichen Leben bezüglich der Kleidung, der Türen, der Transportmittel und anderer Dinge, litt er darunter, als Abnormität wie ein Gegenstand herumgereicht zu werden. Aber die Schaustellerei war zu seinem Lebenserwerb geworden. Winkelmeier gastierte nun schon als europäische Berühmtheit auch in den Folies Bergere in Paris. 1886 fuhr er nach London. Ihm wurde sogar die große Ehre zuteil, während der Feierlichkeiten zum fünfzigjährigen Thronjubiläum der Königin Viktoria von England 1887 den fürstlichen Gästen als besonderer Augenschmaus dargebracht zu werden. Aber schon damals fühlte er sich krank. Viele Angebote, so verlockend sie auch waren, schlug er ab. Er begab sich in seinen Heimatort zurück, und kurze Zeit danach brachte ihn sein krankhafter Riesenwuchs mit nur siebenundzwanzig Jahren ins Grab.
Da Abnormitätenschauen heute aus begreiflichen Gründen verschwunden sind, entsteht der Eindruck, es gebe Riesen, Kolossalmenschen und andere ungewöhnliche Körperbildungen nicht mehr. Doch das täuscht: Der größte derzeit lebende Mensch ist der Chicagoer Kaufmann Don Koehler mit genau 2,489m. Aber auch die Schaustellung solcher abnormen Menschen gibt es durchaus noch: Die schwersten Zwillinge der Welt, Benny und Billy McCreary (eigentlich Doug und Billy McGuire) aus North Carolina, die zusammen 12 Zentner wiegen, verdienen ihren Lebensunterhalt als Catcher im Kampf der Kolosse. Als Die Bullen von Hendersonville ließen ihre Manager sie auf Mini-Motorrädern dreißig Tage lang eine Werbetour quer durch die USA fahren.
 

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Die Väter des Kraftsports
Karl Abs




Der Schwerathlet Karl Abs trug aufgrund seiner großen Erfolge im Ringen und Heben erheblich zum Entstehen einer außergewöhnlich großen Anzahl von Kraftsportvereinen bei. Obwohl er so prominente Vorgänger wie Prof. Attila (Durlacher) und Charles Ernest (Müller) hatte, wird ihm das Hauptverdienst zugeschrieben, den Grundstein für die deutsche Schwerathletik gelegt zu haben.
Abs, geboren 1851 in Groß Godems in Mecklenburg, besaß einen harmonischen Körperbau mit vollkommen gleichmäßig entwickelter Muskulatur und machte trotz der gewaltigen Maße (mit 35 Jahren Oberarm 40 cm, Unterarm 35 cm, Oberschenkel 65 cm, Wade 44 cm, Gewicht 100kg) keinesfalls den Eindruck eines Kraftprotzes. Nachdem Abs 1882 in Hamburg, als 31jähriger, den Eisernen Wilhelm in 10 Minuten auf die Matte geworfen hatte, gab er seinen Zimmermannsberuf auf und widmete sich völlig dem Kraftsport. Bald fand sich in Deutschland kein Kämpfer mehr, den er noch nicht besiegt hatte, und er bereiste die ganze Welt. Der Erfolg schien ihm auch im Ausland treu zu bleiben.
Als Karl Abs seine Triumphe feierte, begann in Deutschland eine Welle der Sportbegeisterung für die Schwerathletik. In vielen Orten, in denen er aufgetreten war, gründete man Kraftsportvereine, um ihm nachzueifern.
Abs erkannte sehr schnell die Bedeutung des Gewichthebens für die gründliche
Durchbildung des Körpers und die Stählung der Muskeln. Beim Gewichtheben vollbrachte er Leistungen, die lange Zeit unerreicht blieben.
Anfangs trafen sich in den Vereinen nur von Natur aus starke Männer, die sich abmühten, die Krafttricks der Berufsathleten nachzuahmen. Es war ein langer Prozeß, bis sich diese anfängliche Kraftmeierei zum schwerathletischen Sport entwickelte. Man übte sich zunächst im Ringkampf und Gewichtheben. Zum Gewichtheben bedienten sich die Athleten aller Dinge, deren man leicht habhaft werden konnte, wie Räder, eiserne Wagenachsen, Feld- und Grenzsteine. Erst später ging man zu praktischeren Geräten über, wie Hanteln und Kugelstangen.
Karl Abs trat auch als Kraftakrobat auf, er verbog Hufeisen, hob Pferde sowie Elefanten und jonglierte mit Baumstämmen.
In den USA besiegte er den Meisterringer von England, Edwin Bibby, den Japaner Matsada Sorahicki und den berühmten amerikanischen Ringer William Muldoon. Nach seiner Rückkehr nach Europa war er 1889 in Lemberg engagiert. Zu dieser Zeit galt er als der beste Ringkämpfer der Welt, und er befand sich im vollen Besitz seiner gewaltigen Kräfte. Eines Herbsttages wurde ihm in Lemberg ein besonders schweres und feuriges Pferd zum Heben vorgeführt. Abs war stets vorsichtig bei solchen gefährlichen Darbietungen. Er hob das Tier auf und hielt es eine Zeitlang schwebend in der Luft. Beim Niederlassen bäumte sich das Pferd jedoch plötzlich auf und warf sich dann ungestüm auf den Boden nieder. Abs befand sich schon in gebückter Körperhaltung, um den Haken des Gurtes, mit dem er das Pferd gehoben hatte, aus der Schlinge zu ziehen. Der schwere Aufprall auf seinen Körper verursachte Quetschungen und einen Muskelriß in der rechten Schulter. Notdürftig geheilt, reiste er im November 1889 nach Paris. Auf der Reise befiel ihn die Grippe, doch sogar als Fieberkranker besiegte er im Pariser Cirque d'hiver den französischen Ringer Fournier.
Abs wog vor dieser Reise 223 Pfund und vier Wochen später nur noch 190 Pfund. Am Weihnachtsabend des gleichen Jahres fuhr er nach London und forderte dort jeden auf, sich mit ihm zu messen. Als Kampfprämie deponierte er 2000 Mark bei der Sporting Life. Obwohl London zu jener Zeit viele Athleten aus aller Welt beherbergte, wie beispielsweise Sandow und Samson, wagte sich niemand an Abs.
Zu den Schmerzen in der rechten Schulter stellte sich nun noch ein rheumatisches Leiden ein. Abs suchte berühmte Ärzte auf, die die Ursachen seiner Schmerzen ermitteln sollten. Doch die Diagnosen der medizinischen Autoritäten fielen sehr unterschiedlich aus.
1891 gewann Abs im Berliner American-Theater noch einen sensationellen Kampf gegen den Engländer Tom Cannon.
Noch als todkranker Mann besaß er den Mut, 1894 dem gefürchteten Deutsch-Amerikaner Ernest Roeber gegenüberzutreten. Roeber war ein sehr roher Kämpfer und hatte die Absicht, seinen Namen durch einen Sieg über Abs berühmt zu machen. Zu einem ruhmhaften Sieg kam es aber nicht. Abs bewies, daß er immer noch ein nicht zu unterschätzender Gegner war, und ertrug längere Zeit die ihm von Roeber durch dauerndes Strangulieren verursachten Schmerzen. Unter Hinweis auf sein mit Blut besudeltes Gesicht erklärte sich Abs erst dann für besiegt, als er sah, daß das Schiedsgericht keine Anstalten machte, Roeber zu verwarnen.
Teilweise zum Invaliden geworden, verlor Abs die Lust an den ständigen Übungen. Hinzu kam noch, daß andere Athleten ihn in einigen Übungen, die die ganze Kraft des rechten Arms verlangten, erreichten oder übertrafen. Diese Tatsache verbitterte ihn, und er zog sich vom Heben völlig zurück. Der plötzliche Wechsel seiner Lebensgewohnheiten hatte jedoch für Karl Abs traurige Folgen. Sein Körper war an die regelmäßigen schwersten Anstrengungen gewöhnt und konnte die plötzliche Änderung nicht verkraften. Appetitlosigkeit, Magen- und Leberbeschwerden sowie Mutlosigkeit zeichneten ihn. Verschiedene Ärzte verordneten ihm Medizinen, die er laufend wechselte. Seine Energie war verloren. Er starb im Alter von nur 43 Jahren am l8. Februar 1895 in Hamburg.
Sein langjähriger Freund Karl Jaenecke charakterisierte Karl Abs als ein wirkliches Vorbild, der stets nur mit reiner Kraft und ohne jegliche Tricks arbeitete. Er war zur damaligen Zeit ein Könner wie nur wenige und ein Sportpionier von Weltruf. Karl Abs' Tochter Anna machte dem Vater alle Ehre, sie war eine sehr kräftige Dame, die in Berlin an einem Abend die fünf französischen Ringkämpferinnen Lyonels in kurzer Zeit besiegte. Zuerst arbeitete sie als Schulreiterin, später wurde sie als Kraftakrobatin nach den USA verpflichtet. Sie kam bei einer Dampferexplosion ums Leben.
Theodor Siebert
Große Verdienste um den Kraftsport erwarb sich auch Theodor Siebert, der sich seit 1892 auf diesem Gebiet betätigte, und zwar den damaligen Verhältnissen entsprechend als Autodidakt, denn einschlägige Literatur oder erfahrene Trainer gab es noch nicht. 1897 erschien Sieberts erstes Buch, der Katechismus der Athletik. Es fand im In- und Ausland großen Beifall.
Selbst der Leibarzt des Zaren, Dr. von Krajewski, der als Vater der russischen Athleten bezeichnet wird, teilte 1899 aus Petersburg mit, daß bald eine russische Übersetzung
dieses Buches erscheinen sollte. Siebert bekam aus aller Welt Zuschriften, aus denen zu entnehmen war, daß sein Buch für viele Leser einen gesuchten Ratgeber darstellte. Allerdings waren auch Fragen komplizierter Art dabei, die Siebert nicht sicher beantworten konnte.
So kam ihm der Gedanke, eine Versuchs- und Lehranstalt für seine Ideen zu schaffen und seine Erfahrungen in der Praxis zu erproben. 1901 eröffnete Siebert in Aisleben bei Halle an der Saale im Grundstück Fischerstraße 2, der jetzigen Gaststätte Zum schwarzen Roß, die Erste Trainerschule für Körperkultur in Deutschland, die er mit einem Erholungsheim für vernünftige Lebensweise verband. Entsprechend seiner beschränkten Mittel war die Anlage relativ klein. Es standen anfangs nur zehn Betten zur Verfügung, und das Sonnenbad umfaßte 300 m2. Obwohl Theodor Siebert den Oberarzt und Bezirksarzt Dr. med. Pilf in seiner Schule als medizinischen Berater beschäftigte, galt bei ihm die heute nicht mehr völlig haltbare sinngemäße Losung: Man kann in jedem Lebensalter ohne jede Arznei durch tägliche einfache, mit Verstand angepaßte Übungen stark und damit gesund werden. Die erste deutsche Trainerschule stand unter dem Motto:
Der Körper gleicht der Lampe, in welchem der Geist brennt; in einer unvollkommenen, nicht in Ordnung gehaltenen Lampe wird nur eine trübe Flamme, ein düsteres Licht brennen.
(Buddha)
Als vollkommener Mann der Schöpfung gilt mir einer, der die Iphigenie schreibt und sich mit derselben Hand bei den olympischen Spielen die Siegerkrone aufs Haupt setzt.(Euripides)
In der Folgezeit, bis zum Beginn des ersten Weltkrieges, trainierten viele große Athleten und Kraftakrobaten in Sieberts Einrichtung nach von ihm entwickelten Methoden. Aus vielen europäischen Ländern, aus Japan, Amerika und Afrika kamen Schüler angereist, um von ihm zu lernen. Selbst spätere Olympiasieger und Weltmeister befanden sich darunter. Seine Schüler bewahrten ihm auch noch die Treue, nachdem sie zu Ruhm und Ehre gelangt waren. 1907 gab Siebert die 2. Auflage seines Buches unter dem Titel Der Kraftsport mit den in seiner Schule gesammelten neuen Erkenntnissen heraus.
Als der Jubilar Theodor Siebert am 25. Oktober 1955 seinen 90. Geburtstag feierte, war es ihm eine besondere Freude und Ehre, daß ihm der Bürgermeister der Stadt Alsleben persönlich ein Präsent der Stadt übergab. Diese offizielle Gratulation brachte Erinnerungen an jene Zeit zurück, in der sein Name und Werk unter den starken Männern der Welt einen besonderen Klang hatten.
Es soll nicht Zweck dieser Betrachtung sein, den Lebensweg und die Methoden Theodor Sieberts im Detail aufzuzeichnen. Aber es steht fest, daß die zahlreichen Veröffentlichungen neueren Datums über wissenschaftliche Trainingsmethoden mit vielen Grundideen Sieberts im Einklang stehen.
Seine Pionierleistungen auf dem Gebiet des Kraftsports sind noch heute anerkannt.
Eugen Sandow
Sandow wurde 1867 in Königsberg (heute Kaliningrad) geboren. Als Kind war er ausnehmend zart, und mehr als einmal bangte man um sein Leben. Als Vater Sandow seinem Sohn die Kunstgalerien von Rom und Florenz zeigte, beeindruckten die dort ausgestellten Skulpturen von Athleten den jungen Eugen sehr. Nach Hause zurückgekehrt, nahm er ein regelmäßiges Training auf, um eine solche Idealfigur zu bekommen. Trotz großer Anstrengungen gelang ihm dies aber bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr nicht. Nach eingehendem Studium der Anatomie fand er die geeigneten Mittel für die allseitige Entwicklung der menschlichen Muskulatur heraus. Er stellte ein Programm von Übungen zusammen, mit dessen Hilfe er systematisch einzelne Muskelgruppen stark beanspruchte, während andere im Ruhestand verharrten. Seinen speziellen Übungen widmete er täglich 15 Minuten. Dadurch nahm seine Kraft bis zu seinem 25. Lebensjahr stetig zu, und er konnte schon einige bescheidene Erfolge als Amateurathlet und Ringer verbuchen.
1889 erfuhr er durch Mr. Aubrey Hunt, daß Samson im Londoner Royal Aquarium 100 Pfund demjenigen anbot, der die Leistungen seines Schülers Cyclops erreichen könne, und sogar 1000 Pfund dem, der seine eigenen Leistungen überbieten könne. Mr. Hunt riet Sandow, diese Herausforderung anzunehmen und mit ihm umgehend nach London zu reisen. Kurz entschlossen brachen beide am selben Tag nach London auf. Dort angekommen, suchte Sandow seinen Freund Albert Attila auf, um ihn zu bitten, sein Dolmetscher zu sein, denn er beherrschte zu dieser Zeit die englische Sprache noch nicht. Professor Attila sicherte ihm nicht nur seine Dienste zu, sondern ermutigte ihn auch zu dem Wettbewerb. Noch am Abend des Ankunftstages in London übergab Hunt die Herausforderung Sandows.
Die Leistungen Cyclops konnte Sandow mühelos kopieren, und Samson erbot sich, die 100 Pfund auszuhändigen. Nun ließ Sandow von seinem Dolmetscher erklären, daß er wegen der ausgeschriebenen 1000 Pfund nach London gekommen sei. Samson war sichtlich überrascht und gab vor, nicht entsprechend vorbereitet zu sein, um sich an diesem Abend mit Sandow zu messen. Obwohl das Publikum den Aufschub mißbilligte, verlegte Kapitän Molesworth den Wettbewerb auf den darauffolgenden Sonnabend, den 2. November 1889.
An jenem ereignisreichen Novemberabend wurde das Royal Aquarium so dicht umlagert, daß es Sandow und seinen Begleitern buchstäblich unmöglich war, durch die Menge hindurchzukommen. Da halfen selbst die Erklärungen Attilas nichts, und die offizielle Zeit des Beginns verstrich. Samson lief auf der Bühne auf und ab und erklärte, daß er nur noch zehn Minuten warten würde. Diese Frist war schon fast verstrichen, ohne daß er seinen Rivalen entdecken konnte. Doch Sandow kämpfte sich entschlossen durch die Menschenmenge, brach die verschlossene Bühnentür auf und kam wenige Augenblicke, bevor die letzte Frist Samsons abgelaufen war, auf der Bühne an.
Zu Kampfrichtern wurden der Marquis von Queensberry und Lord de Clifford ernannt, und sie prüften sorgfältig alle Ketten, Kugelstangen, Gewichte und Hanteln, die bei der Vorführung gebraucht wurden.
Zunächst nahm Samson eine lange Eisenstange und bog sie über seine Waden, seine Arme und seinen Hals, als ob sie nur ein Schüreisen wäre. Diese Sache war nach Sandows Meinung nur wenig mehr als ein bloßer Trick, natürlich ist Muskelkraft zu seiner Ausführung notwendig. Hat man keine ausgebildeten Muskeln, kann man den Knochen treffen und ihn eventuell brechen. Diese Leistung war daher für Sandow nicht schwer nachzumachen, obwohl schon viel dazu gehört, sie elegant vorzuführen.
Dann band Samson ein geflochtenes Tau unter den Armen um seine Brust und sprengte es. Bei dieser Leistung muß man die Lungen ausdehnen und zur gleichen Zeit die Muskeln der Brust zusammenziehen. Sandow löste auch diese zweite Aufgabe.
Als dritte Aufgabe sprengten beide Athleten eine Kette, welche den Arm umspannte. Danach wurde eine 280 englische Pfund (l engl. Pfund = 453,6 g) wiegende Hantel auf die Bühne gebracht. Sandow nahm sie mit einer Hand auf, legte sich damit nieder und stand wieder mit ihr auf. Danach befestigte er einige Ketten um seinen Arm, nahm eine Hantel von 220 englischen Pfund, brachte sie bis zur Brust und sprengte die Ketten, bevor er die Hantel wieder niederließ.
Nach dieser Vorführung erklärten die Richter Sandow zum Sieger. Die 1000 Pfund sollten am nächsten Tag ausgezahlt werden. Doch Sandow erhielt von der Direktion des Royal Aquarium nur 350 Pfund.
Die Zeitungsreporter bestürmten den neuen Helden von London. Natürlich wurden Sandow auch zahlreiche Auftrittsangebote gemacht. Er wählte eines aus, das ihm 150 Pfund die Woche sicherte und von Mitgliedern des lyrischen Klubs gemacht worden war. Bei seinem Engagement im Alhambra stand ihm Attila treu zur Seite. Sandow unterzeichnete Abschlüsse für einige Jahre im voraus.
Nach einem sechsmonatigen Aufenthalt in England begab sich Sandow wieder nach Deutschland. In Aachen traf er den Riesen und Steineträger Goliath (Karl Westphal). Er wollte mit dem 362 Pfund schweren, aber keineswegs fetten, sondern muskulösen Goliath eine gemeinsame Darbietung einstudieren. Sandow bot ihm täglich 20Mark für seine Mitarbeit an. Nach über sieben Wochen Training trennte sich Sandow wieder von Goliath, da es augenscheinlich wurde, daß dieser nicht zum Kraftakrobaten taugte. Goliath soll sich später als Kolossalmensch zur Schau gestellt haben. Wieder nach London zurückgekehrt, brachte Sandow im Tivoli eine neue Nummer heraus, in der er mit einem Arm ein Pferd über den Kopf hob und nach den Klängen der Musik damit über die Bühne marschierte. Dieser Darbietung folgte eine Vorführung mit lebenden Hanteln. Er benutzte eine lange Stange, an der beiderseits große hohle Kugeln angebracht waren. Bereits hinter der Bühne setzte sich in jede Kugel ein Mann. Sandow hob auf der Bühne die Stange langsam bis über den Kopf. Nach dem Niedersetzen öffneten sich die Kugeln, und die Männer kletterten heraus.
Während dieser Zeit konnte in London jede Bühne mit wenigstens einem starken Mann aufwarten. Sandow mußte sich neue Darbietungen einfallen lassen, um in dieser Konkurrenz bestehen zu können. Er hob ein großes Piano mitsamt* einem Orchester von acht Männern und trug es auf der Brust. Seine Leistung, mit einem Gewicht von 56 Pfund in jeder Hand einen Salto zu drehen, stellte eine von anderen Kraftakrobaten nicht erreichte Spitzenleistung dar.
Im Londoner Palace-Theatre hielt Sandow statt des Orchesters drei Pferde auf seiner Brust. Die Tiere standen auf einem Brett, auf jeder Seite eins und das dritte in der Mitte, wobei sie hin- und herwippten. Am Ende dieser Darbietung stellte sich ein Mitglied der Horse-Guards-men mit seinem Pferd auf den Kraftakrobaten.
Durch seinen Wettstreit mit dem schottischen Riesen Louis M. Cann-Herkules am 10. Dezember 1890 in der Royal Music-Hall, Holborn, wurde Sandow zu einem der populärsten Athleten Englands.
1893 ging Sandow in Begleitung Professor Attilas nach Amerika. Dort gründete er neben seiner Tätigkeit als Kraftakrobat eine Schule zur Körperausbildung, in der hauptsächlich das 5-Pfund-Hantelsystem zur Geltung kam. Wenig später brachte er eine Weiterentwicklung - die Federdruckhantel - in Umlauf, wodurch sein Name in aller Welt bekannt wurde.
In San Francisco kämpfte Eugen Sandow in einem Zentralkäfig gegen einen Löwen. Dabei waren dem Löwen Boxhandschuhe und ein Maulkorb angelegt worden. Mehrere Leute hatten einige Stunden vor der Vorstellung damit zu tun, dem König der Tiere diese Utensilien umzubinden. Sandow ging mit einigen kleinen Schrammen als Sieger aus diesem vor 20000 Zuschauern ausgetragenen Kampf hervor.
Nach seiner ersten Amerikareise kehrte Sandow nach England zurück, nahm neue Talente in seine Gesellschaft auf und versuchte einige neue kraftakrobatische Tricks.
Römisches Reiterexercitium nannte Sandow beispielsweise eine dieser Leistungen, in welcher zwei Leute mit Pferd und Wagen über ihn hinwegfuhren. Obwohl er später wiederholt nach Amerika reiste und auch Engagements in Australien und Neuseeland erfüllte, zog es ihn immer wieder nach London zurück. In London und Manchester gründete Sandow auch seine berühmten Körperausbildungs-Institute. Nach dem Sandowschen System dieser Institute wurden in vielen Ländern aller Kontinente Schulen eröffnet. Seine Initiativen waren bahnbrechend für den Aufschwung der modernen Körperausbildung.
Sandow verstarb 1925 als erst achtundfünfzigjähriger an den Folgen eines Autounfalls in London. Sein Leben bewies, daß es durch systematisches Training möglich ist, Körperschwäche zu überwinden und Kraft zu erringen.
 

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Von Astley bis zum Zirkus des 20. Jahrhunderts




Während vom Mittelalter bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts die Jahrmärkte mit ihren vielfältigen Belustigungen die beliebteste Unterhaltungsform waren, erlangte in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine neue Kunstform das allgemeine Interesse: die Kunstreitertruppen. Diese Entwicklung hatte zwei Hauptursachen. Durch die industrielle Entwicklung verloren die Jahrmärkte und mit ihnen die Jahrmarktsschauen an Bedeutung. Die Begüterten unter den Jahrmarktskünstlern wandten sich nun einem Genre zu, das in jener Zeit stark an Interesse gewonnen hatte: dem Pferdesport. Reitschulen für die Ausbildung der Angehörigen der oberen Gesellschaftsklassen entstanden in ganz Europa. Die Akrobaten und Seiltänzer verlegten ihre Darbietungen auf den Pferderücken. Ein anderer Teil der Pferdekünstler kam aus den Reitschulen oder aus dem militärischen Bereich. Zu letzteren gehörte auch der Engländer Philipp Astley, der Vater des Zirkus. Er baute in London eine der üblichen Reitschulen, aber bald unterschied sich deren Programm wesentlich von den Vorführungen anderer Kunstreitertruppen. Astley bezog in seine Vorstellungen die Auftritte von Seiltänzern, Akrobaten, Kraftmenschen, Abnormitäten und Kleintierdresseuren ein. Einen beträchtlichen Raum nahmen ferner mimische Szenen (meist zu Pferd) und Pantomimen ein, die - ebenso wie die anderen Genres - von den Jahrmärkten übernommen wurden. Damit war
der moderne Zirkus geboren. 1782 ließ Astley seine Reitschule überdachen und nannte sie nun Astleys Amphitheater - die Bezeichnung Zirkus existierte zwar schon für ähnliche Unternehmen in England, setzte sich aber erst später endgültig durch, vor allem als in Frankreich, das mittlerweile die Führung in der zirzensischen Entwicklung übernommen hatte, den Pferdetheatern durch ein Dekret Napoleons verboten wurde, sich Theater zu nennen. Die Brüder Franconi in Paris folgten dem der Antike huldigenden Zeitgeschmack und nannten ihr 1807 eröffnetes Unternehmen Cirque Olympique.
Die neue Kunstform bot den Artisten gute Entwicklungsmöglichkeiten. Kusnezow schreibt in seinem Buch Zirkus der Welt, daß die Akrobaten der Schaubuden fast ausschließlich mit dem Körper arbeiteten, also auf Apparate und aufwendigere Requisiten verzichteten. Der Kraftakrobat arbeitete entweder als Äquilibrist mit einem Partner, den er, als Untermann, emporstemmte und in verschiedenen Posen im Gleichgewicht hielt, oder mit totem Gewicht. Es gab Kettensprenger und Ringer, Menschen mit eisernem Gebiß und Athleten, die auf der nackten Brust Steine zertrümmern ließen, Eisenkönige und andere. Die Begabteren schlössen sich den kleinen Wanderzirkussen an, vervollkommneten ihre Künste, und die Besten unter ihnen schafften den Sprung in die großen stationären Unternehmen.
Wie die anderen Akrobaten fanden also so die Athleten Eingang in die Zirkusprogramme.
Zu den Großen der Kraftakrobaten jener Zeit zählt der um 1800 in Innsbruck als Karl von Rapp geborene Karl Rappo. Der junge Adelssproß schloß sich einer umherziehenden Gauklertruppe an, es kam natürlich zum völligen Bruch mit der Familie, und er zog als Artist unter dem Namen Rappo durch die Lande. 1825 heiratete er in Hamburg Josephine Belli und begann nun, eine kleine Artistentruppe aufzubauen. Das Rappo-Theater zeichnete sich durch prächtige Ausstattung aus, gastierte in den besten Etablissements und machte hervorragende Geschäfte. Rappo war sehr vielseitig, er trat als Äquilibrist, Jongleur und Kraftakrobat auf. Mit seinem Lehrjungen Karl-Johann Schäffer entwickelte er die Ikarischen Spiele.
Er warf mit sechs 5-pfündigen Eisenkugeln den sogenannten Kranz, eine Jonglage mit einer Hand. Auf seinen Schultern soll er einen Wagen, acht Männer und ein Pferd getragen haben. Den Abschluß seiner Vorstellung bildete die Balance des Modells eines Kriegsschiffes, wobei er sämtliche Segel und Flaggen hißte und so unter Kanonendonner und von bengalischem Feuer umlodert eine kriegerische Apotheose bot.
Seinen glanzvollsten Ruhm erreichte er in Rußland, das schließlich zu seinem Hauptbetätigungsfeld wurde. Zar Nikolaus zeichnete den Artisten durch zahlreiche Gunstbeweise aus und ließ sich die vielen Abenteuer des Kraftakrobaten berichten, etwa wie er 1834 auf dem Wege von Nishni-Nowgorod nach Simbirsk von Räubern überfallen wurde, schnell eine Deichsel aus dem Wagen riß und mit dieser gewaltigen Keule die Angreifer in die Flucht schlug. Karl Rappo starb 1854 in Moskau an Typhus. Sein 1826 geborener Sohn Francois wurde ebenfalls Kraftakrobat, erreichte aber nicht die Leistungen des Vaters.
Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts kam auch der Zahnhang auf. Das Gerät bestand aus einem eisernen Haken und einer Lederzunge. Der Akrobat biß in die Lederzunge und ließ sich im freien Zahnhang drehen und eventuell noch beschweren. Dieser relativ einfache Zahnkrafttrick ließ später ein eigenes Genre entstehen, die Zahnkraftakrobatik. Milo Barus soll während einer Weltmeisterschaft der stärksten Männer der Welt 1933 in Kairo am Flaschenzug hängend mit den Zähnen selbst ein Klavier und fünf Musiker gehoben haben.
In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts ließ sich Adolphe Morro zehn Zentner auf die Brust legen und schmetterte in dieser Lage Opernarien. Er wurde mit Recht der Eiserne Tenor genannt.
Einer der bekanntesten Kraftakrobaten Schwedens war Josef Möller. Er wurde 1866 im englischen Hull geboren und entstammte einer deutsch-dänischen Artistenfamilie. Bereits mit siebenundzwanzig Jahren leitete Josef Möller eine eigene Truppe, aus der sich später der Zirkus Möller entwickelte. Möller arbeitete im Stil seiner Zeit mit Hanteln, Gewichten an Eisenstangen, mit denen er jonglierte und die er zur Hochstrecke brachte. Mit seinem Zirkus bereiste er fast alle skandinavischen Länder. 1917 verstarb er im schwedischen Gävle. Die äquilibristisch arbeitenden Kraftakrobaten - also die Arbeit von Unter- und Obermann ohne Requisiten - kamen vorwiegend aus dem Sportbereich, sie waren also Ringer oder Schwerathleten. Erst allmählich gewann das Repertoire, den Anforderungen vor allem der Varietes entsprechend, an Breite, der sportliche Aspekt trat gegenüber dem artistischen zurück. Um das Spiel der Muskeln zu demonstrieren, traten die Kraftakrobaten möglichst spärlich bekleidet auf, mit Tiger- oder Leopardenfellen bedeckt, später vor allem im stilisierten Kostüm der römischen Gladiatoren. Einige trugen allerdings auch dem gutbürgerlichen Zeitgeschmack Rechnung und präsentierten sich als Salonakrobaten in Frack oder Smoking. Einer der bekanntesten Salonathleten dieser Zeit war der Wiener Sportlehrer Theo Fred Gläser.
Das 19. Jahrhundert brachte eine Vielzahl bemerkenswerter Athleten hervor, von denen auch einige durch ihre Spitzenleistungen bekannt geblieben sind. Dazu gehören zum Beispiel:
Die Gebrüder Rasso, Bernhard Leitner, Hans Jensen, Hans Arrino, Emil Voss, der Grieche Antonis Pieri, der Wiener Wilhelm Türk, der Italiener Ninos, Carl Franke, Arpin aus Frankreich, John Holtum, Johannes Treu, Dumont, Bansart, Conchas u. a.
Als um 1880 Carl Abs seine Triumphe feierte, wurde ganz Deutschland von einer Begeisterung für die Schwerathletik erfaßt.
Der Mecklenburger Carl Franke gab als Kraftjongleur und Äquilibrist überall in Europa Vorstellungen und hatte einen ausgezeichneten Ruf. Franke nahm unter anderem ein 6,60m langes und 25 cm dickes Stück Holz, das von vier Männern aufgerichtet werden mußte, mit den Zähnen auf, warf es ein Stück hoch, fing es mit den Zähnen wieder auf und balancierte es noch eine Weile. Einen ähnlichen Kraft- und Balancetrick führte er mit einer Leiter aus, auf der sich oben zwei große mit Eisenreifen beschlagene Wagenräder befanden. Franke konnte auch mit einem Gewehr, dessen Bajonettspitze er auf seine Stirn stellte, tanzen, sich hinlegen und wieder aufstehen, ohne daß er sich dabei verletzte oder das Gewehr verlor.
Der 1845 in Hadersleben geborene John Holtum zeigte den sogenannten Kugeltrick. Dabei fing der Athlet eine von einer Kanone abgeschossene Kugel auf. Bei einem der eisten Versuche riß ihm eine Kugel einen Finger der linken Hand ab. Holtum lebte in London, und es gelang ihm 1872 mit verbessertem Geschütz zum ersten Mal, eine Kugel ohne Verletzungen zu fangen. Den Kugelfang zeigte er danach einige Jahre in seinem Programm. Außerdem war Holtum auch ein ausgezeichneter Kraftjongleur, der in San Francisco und anderen Städten Amerikas großen Erfolg hatte. Er starb 1919.
Paul Spadoni kopierte wenig später den Kugelfang Holtums, erhöhte die Schwierigkeit und ließ diese Nummer Ende des 19. Jahrhunderts zur internationalen Sensation werden.
Auch Frauen sind mit dem Kugelfang aufgetreten, so die aus Straßburg stammende Kanonenkönigin Victoria, die erstmals 1884 eine aus einem Feldgeschütz abgefeuerte 25pfündige Kugel mit den Händen fing. Ein Opfer des Kugelfangtricks wurde der Kraftathlet Kroton, der eine 42-cm-Granate aus einer Kanone abfeuern ließ und sie auffing. Eines Tages bei einem Gastspiel in Halle zerschlug eine Granate ihm die Brust.
Hans Arrinos äquilibristische Kraftnummer stellt heute noch eine einmalige Spitzenleistung dar. Seine auf vielen internationalen Bühnen gezeigte lebende und plätschernde Fässerpyramide wurde nie kopiert.
Der 1865 in Elbersfeld geborene Bernhard Leitner lernte zunächst den Beruf eines
Bankbeamten und war nebenbei ein aktiver Turner. Die Bekanntschaft mit Carl Abs
inspirierte ihn. Zahlreiche eigene Ideen und Ausdauer beim Üben ließen ihn bald zu einem vielseitigen Kraftakrobaten werden. 1890 zeigte Leitner, wie man durch Anspannen der Muskeln um den Körper gelegte Ketten sprengt. Kopierten andere Kraftakrobaten seine Tricks, so änderte er sein Programm und brachte etwas Neues. Leitner baute sich auch als erster eine Pferdeschaukel. In Brückenstellung ließ er ein Brett über sich legen und darauf zwei Pferde wippen. Dabei gab es eines Tages, als der Beifall losprasselte, einen unglücklichen Zwischenfall. Eines der Pferde scheute, und Leitner bekam den Pferdehuf ins Gesicht. Aber der Artist verbiß den Schmerz und brachte die Nummer blutüberströmt zu Ende.
Der aus dem damaligen Weißrußland kommende Johannes Treu versetzte die Zuschauer durch die Kraft seiner Hals- und Kinnbackenmuskeln lange Zeit in Erstaunen. Man nannte ihn die Lebende Deichsel. Er faßte mit seinen Zähnen die Sielen eines Pferdes, legte sich in einen mit noch drei Personen besetzten Pferdewagen und ließ dann sich und den Wagen von dem Pferd wegziehen.
Paul Conchas (eigentlich Paul Hütt) und sein Partner Julius Neumann hatten ihrer Kraftjonglerie einen militärischen Anstrich gegeben, dem Zeitgeschmack des ausgehenden 19. Jahrhunderts entsprechend. Unter den Klängen von Preußens Gloria und - mit allerhöchster Erlaubnis - in der Offiziersuniform des Garde du Corps jonglierte Conchas bis zu 20-pfündige Eisenkugeln, fing mit dem Schleuderbrett geworfene Kugeln und Granaten mit dem Genick und balancierte 1895 auf der Stirn eine zweirädrige Kanone. Der Partner als Kanonier arbeitete komisch und verstärkte damit noch die Wirkung der Nummer, die auch international großartig ankam. Einer der Tricks war, einen Partner auf einem Stuhl Platz nehmen zu lassen, ihm einen gedeckten Tisch auf die Knie zu setzen und alles zu balancieren, während der Mann zu essen begann. Ein weiterer Trick Conchas' bestand darin, zwei Kanonenkugeln, die er durch Rotieren auf Stäben im Gleichgewicht hielt, auf Stirn und Knie zu jonglieren. Bei der geringsten Unaufmerksamkeit konnte ähnlich wie beim Trick des sogenannten Schellenbaums - eine herunterfallende Kugel seinen Kopf zerschmettern. Paul Conchas starb 1916 während eines Gastspiels in den USA. Erst 1923 fand Julius Neumann in dem Berliner Walter Springer einen neuen Partner, der Conchas ebenbürtig war. Als Achilles und Neumann setzten sie die Nummer bis zum Tod Neumanns 1949 fort. Walter Springer reiste mit einem anderen Partner als Achilles und Patroklos noch drei Jahre mit Zirkus Aeros, dann setzten sie sich aus Altersgründen zur Ruhe.
Dumont trug auf seiner Brust ein Podium mit einem Klavier und fünf Musikern: Dieser Trick wurde im Schwierigkeitsgrad noch erhöht, weil die Personen musizierten und dadurch die gesamte Plattform in ungleichmäßige Bewegungen versetzt wurde. Eines Tages stürzte dann auch das Podium mit den Musikern und Instrumenten über dem Kraftakrobaten zusammen. Er kam aber mit einem gebrochenen Arm davon.
Der Italiener Ninos soll mit seinem Rücken eine 1100kg schwere Kanone gehoben haben. Ninos führte auch den folgenden Trick aus: Ein Luftschaukelgestell mit sechs Gondeln wurde in der Manege aufgebockt. Sechs erwachsene Männer stiegen in die Gondeln. Er schob sich unter das Schaukelgestell und bildete eine lebende Stützbrücke. Noch in Ruhestellung wurden dann langsam die Unterstützungsbalken entfernt, und die gesamte Last von etwa 800 kg ruhte auf Ninos' Brustkorb. Danach begannen die sechs Männer noch die Gondeln in eine rhythmische Schaukelbewegung zu versetzen. Der Kraftakrobat hielt diese bewegte Last einige Minuten lang.
Als Handkraftspezialist erwies sich der Engländer Bansart. Er konnte zwischen Daumen und Zeigefinger einer Hand zehn Billardstöcke an den dünnen Enden erfassen und in die Höhe heben. Ein 6 kg schweres Gewicht faßte er ganz nahe an einer Kante und hob es so an. Bansart brachte es auch fertig, ein Paket von einhundertsechzig Spielkarten zu zerreißen, dicke Eisenstangen zu verbiegen und Hufeisen zu zerbrechen. Das Zerreißen von Tennisbällen war ebenfalls eine seiner Spezialitäten.
Die Gebrüder Rasso zeigten enorme kraftakrobatische Leistungen, so das Heben eines gesamten Orchesters und das Tragen eines Karussells. Einer der Rassos ließ sich in Brückenstellung, auf Arme und Beine gestützt, nieder, und man stellte auf seinen Brustkorb ein Karussell, das mit zehn Erwachsenen belastet und in Bewegung gesetzt wurde. Weitere kraftakrobatische Tricks werden auf einem Plakat des Casino de Paris angekündigt. Da
Gottfried Rasso nicht nur sehr populär, sondern auch schön und stets gepflegt gewesen sein soll, bescherten die damaligen Modeschöpfer den Damen Rasso-Hüte und den Herren Stöcke und Krawatten ä la Rasso. Er und seine Frau, die anmutige Trapezkünstlerin Miss Viktoria (Anna Nordmann), haben über drei Jahrzehnte lang das Publikum vieler Länder begeistert. Gottfried Rasso sollte eigentlich wie sein Vater Arzt werden. Als Medizinstudent verließ er jedoch die Charite und gab seinem Drang zur Kraftakrobatik nach. Bald verschaffte er sich durch seine Kraftnummern Weltruhm. In jener Zeit war das Tragen eines Klaviers samt Pianisten ein sehr verbreiteter Trick. Die Zirkusdirektorin Paula Busch ließ sich dazu einen besonderen Reklamegag einfallen und berichtet in ihren Memoiren die folgende Episode über Gottfried Rasso: Als Rasso während seines Auftritts mit dem rechten Arm ein junges Reitpferd hob und durch die Manege trug, mußte der Pianist einige falsche Töne anschlagen. Daraufhin spielte Rasso den Verärgerten, setzte das Pferd ab, lief zur Zirkuskapelle hoch und lud sich das Klavier samt dem Pianisten, der wie festgeschnallt mit angstvoller Miene auf seinem Sitz klemmte, auf seinen Rücken.
Auf dem Weg in die Manege spielte der Pianist einen flotten Marsch. Damit hatte er offensichtlich den Athleten besänftigt und durfte unversehrt zu den übrigen Musikern zurückkehren.
Wenden wir uns von den großen Zirkusstars den kleineren Unternehmen dieser Zeit zu. Auch wenn die Tendenz für die Schaubuden-Herkulesse um 1900 rückläufig war, gab es doch noch eine stattliche Anzahl solcher Athleten. Stellvertretend für sie soll ein Unternehmen näher betrachtet werden.
Um 1892 fand die Leipziger Kleinmesse noch im Stadtinneren statt. Dort stand eine sehr einfach ausgestattete Bude der Schaustellerfamilie Robert Kern. Die große Aufschrift lautete:
Original-Herkules-Ringkämpfer-Truppe. Stärkste Männer Sachsens
Die Kerns gehörten zu den volkstümlichen Leipziger Originalen, zu denen später auch Seiferts Oskar als populärste und zugleich spaßigste Erscheinung zählte. Als Robert Kern 1914 starb, führte seine Frau Lina das Geschäft bis 1932 weiter. Das Gekreisch und Gebimmel der Karussells und Automaten rundum wurde viele Jahre von ihrer energischen Stimme übertönt. Wenn im Publikum starke Männer auftauchten, die eine Gefahr für die Budenathleten werden konnten, meisterte Mutter Kern mit nie versiegender Schlagfertigkeit und unverwüstlichem Humor großartig die Situation. Auf die indiskrete Frage von Friedrich Bun, für ein Zeitungsinterview 1941, nach der Praxis der damaligen Kämpfe, gab die bereits 78jährige Lina Kern eine aufschlußreiche Antwort. Bun fragte: So ganz korrekt ging das doch wohl mit den Männern aus dem Publikum, die sich zum Kampf meldeten, nicht zu? Darauf Frau Kern: Das sind eigentlich Geschäftsgeheimnisse. Machten sich vor der Bude wirklich mal Männer mausig, dann wurde es ihnen ordentlich besorgt. Meine Leute waren schließlich Berufsathleten und verstanden ihr Geschäft. Der Sport steckte noch in den Anfängen, und was sich so Box-und Ringkämpfer nannte - da war nicht viel dahinter.
Von den Jahrmarktsbuden wieder zu den Großen der Kraftakrobatik zurückkehrend, müssen die Namen derjenigen genannt werden, die für die Entwicklung der Kraftakrobatik des 20. Jahrhunderts von Bedeutung waren, wie John Grün, Eugen Sandow, Siegmund Breitbart, Sandwina, Paul Spadoni, die Saxons, Georg Jagendorfer und seine Söhne Karl und Leopold, Franz Stöhr, Alexander Sass und viele andere, auf die im folgenden ausführlicher eingegangen wird.
Anfang des 20. Jahrhunderts gab es auch in der Kraftakrobatik neue Tendenzen. Neben der Weiterentwicklung von Apparaten und Requisiten wurden die Darbietungen künstlerisch besser durchgefeilt und damit ästhetischer. Ein Beispiel hierfür ist die Variete-Nummer der Zwei Sandwinas. Eisenstangen wurden nicht nur schlechthin verbogen, sondern von den Großen der Kraftakrobaten in verblüffender Schnelligkeit zu Gitterornamenten verformt. Katharina Brumbach und Siegmund Breitbart verwendeten dazu 7,5 mm dicke Rundeisenstangen und traten mit diesen sensationellen Darbietungen Ende der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts an die internationale Öffentlichkeit.
Im Zirkus, selbst in Großunternehmen wie etwa dem Zirkus Busch, der in Wien, Hamburg, Breslau und Berlin bereits feste Häuser besaß, wurden noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts Ringkampfkonkurrenzen durchgeführt. Aus dem Sport hervorgegangen, haben Ringen und Boxen im Zirkus zeitweilig eine gewisse Rolle gespielt, erwiesen sich aber auf die Dauer als ungeeignet für Bühne und Manege. Nur im russischen Zirkus hatten sie eine größere Bedeutung, die Ursachen dafür lagen im gesellschaftlichen Bereich. In der Zeit der
schärfsten Unterdrückung aller revolutionären Tendenzen waren die Ringkämpfe im Zirkus für das Volk eine Art Ersatzbefriedigung, die starken Männer wurden zu legendären Symbolen.
Während also Ring- und Boxkämpfe im Zirkus eine zeitweilige Randerscheinung blieben und - ebenso wie andere Versuche, den Zirkus zu theatralisieren oder zum Variete umzuwandeln - die Entwicklung der Zirkuskunst nur kurzzeitig hemmen, aber nicht endgültig beeinflussen konnten, blieben Kraftakrobaten im Zirkus und auch im Variete stets ein beliebter Bestandteil der Programme. Sie wurden in Zeiten, wo auch der Zirkus zur reaktionären Manipulation des Publikums diente, zu Zwecken des Chauvinismus und Militarismus mißbraucht, aber auf die Dauer setzten sich wieder die ästhetisch vollkommenen, der Unterhaltung dienenden kraftakrobatischen Darbietungen durch - bis zur Gegenwart, wo Kraftakrobaten und Kraftjongleure beliebt sind wie eh und je.

 

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Herkules Eckenberg



Der am 6. April 1684 in Harzgerode geborene Johann Carl von Eckenberg (lt. Kirchenbuch Johann Karl Eckenberger), ist als erster großer professioneller Kraftakrobat, der namentlich bekannt wurde, und gleichzeitig als einer der Begründer sowohl des Theaters als auch des Varietes in Berlin anzusehen.
Als Sohn eines Sattlers erlernte er das Gewerbe seines Vaters, heiratete später eine englische Seiltänzerin, wurde selbst Seiltänzer und Kraftmensch, schloß sich einer wandernden Gauklertruppe an und soll angeblich in Dänemark geadelt worden sein.
In alten Schriften wird von einem stattlichen Recken und berühmten Kraftakrobaten berichtet, der sich auf Anschlagzetteln Herkules-Harzmann nannte. Eckenberg, der unter diesem Namen oder als Simson auftrat, verfügte über eine große Anzahl phänomenaler Krafttricks. Er konnte Ankerketten wie Zwirnsfäden zerreißen; Eisenbolzen und starke Schiffsnägel zwischen den Fingern zu Korkenziehern oder Schrauben drehen, ganz wie es das Publikum wünschte. Er vermochte auch, ein 1000kg (nach anderen Angaben 1300kg) schweres Kanonenrohr umherzutragen. Seine Zähne müssen einem stählernen Schraubstock geglichen haben, denn er konnte einen Eichenholzstock so zwischen den Zähnen^ halten, daß ein daran gebundenes kräftiges Pferd trotz Antreibens weder imstande war, ihm den Stock aus dem Mund zu reißen, noch den Athleten von der Stelle zu bewegen.
Unglaublich erscheint ein weiterer Krafttrick, bei dem er eine 5 m lange Holzbank an einem Ende mit den Zähnen getragen haben soll, auf deren anderem Ende ein Trompeter saß und ein Lied blies.
Er legte sich mit dem Kopf auf einen Stuhl, mit den Füßen auf einen anderen, dann ließ er sechs Männer auf seinen Leib treten und hielt diese Last mit gestrecktem Körper.
Seine Arme müssen ebenso extrem kräftig gewesen sein. Der Herkules stellte sich beispielsweise auf ein Podest, breitete die Arme aus, hatte um jedes Armgelenk einen festen Strick gewunden, an dem je drei Männer aus dem Publikum nach Leibeskräften zerrten und rissen. Dazu trug er noch in jeder Hand einen bis zum Rand gefüllten Weinhumpen. Die sechs Männer versuchten mit größten Anstrengungen, den Herkules am Trinken zu hindern, doch dieser führte die Becher ruhig zum Mund und trank den Wein aus, ohne einen Tropfen zu verschütten.
Die folgende Kraftleistung sparte er für gewöhnlich bis zum Schluß der jeweiligen Vorstellung auf:
Von einem Balkengerüst aus hielt er mit der einen Hand Eisenketten, an denen eine aus dicken Planken hergestellte Waagschale hing. In der riesigen Waagschale saß ein Trompeter auf einem Pferd. Der Herkules hielt die schwere Plattform mit dem Pferd und dem Trompeter so lange mit einer Hand, bis der Musiker seine Fanfare geschmettert hatte und es ihm selbst gelungen war, mit der anderen Hand ein Weinglas zum Munde zu fuhren und zu leeren. Dazwischen sprach der Kraftakrobat außerdem noch ein Hoch auf, die Bürger der jeweiligen Stadt oder auf den Magistrat und anwesende Persönlichkeiten aus.
Johann Carl von Eckenberg kam 1717 zum ersten Mal als Kraftakrobat Simson nach Leipzig. Während seines Aufenthaltes machte er die Bekanntschaft eines Leutnants Johannes Heinrich Beyer, der ihm einen berühmt gewordenen bösen Streich spielte und damit klarmachte, daß Kraft allein nicht genüge.
Als beide beim Wein saßen, schlössen sie einen Pferdehandel ab. Eckenberg sollte ein Pferd zu den folgenden Bedingungen kaufen: Gegen einen am 17. September 1717 ausgestellten Wechselbrief sollte er innerhalb von 24 Stunden nach dem folgenden Modus zahlen. In der ersten Stunde l Pfennig, in der zweiten Stunde 2 Pfennige, in der dritten Stunde 4 Pfennige, in der vierten Stunde 8 Pfennige und so weiter bis zur vierundzwanzigsten Stunde; jede Stunde also das Doppelte von dem, was er in der vorhergehenden Stunde gezahlt hatte. Johann Carl von Eckenberg war im festen Glauben, ein gutes Geschäft abgeschlossen zu haben. Die Mathematik beherrschte er offensichtlich weniger als seine Kraftkunststücke. Man verpflichtete den Leipziger Rechenmeister, Herrn Gottfried John, der errechnete, daß gegen den Wechselbrief, also für das Pferd, 58 254 Taler, 5 Groschen und 3 Pfennige gezahlt werden müßten. Es stand somit sehr traurig um den Herkules. Der Leutnant Beyer hielt an der Abmachung fest und drohte, den Herkules verhaften zu lassen, falls dieser ihm nicht bald den Betrag bis auf die 3 Pfennige genau auszahlen würde. Eckenberg blieb nur übrig, schnell aus Leipzig zu fliehen. Als er nach sechs Jahren wieder nach Leipzig kam, setzte ihm der Leutnant Beyer erneut mit seiner Forderung zu. Auch 1731 gab der Leutnant während eines weiteren Besuches des Herkules noch nicht auf. Doch seine Bemühungen waren vergebens, denn der vierzehn Jahre dauernde Prozeß wurde niedergeschlagen, indem die hohe Justiz den in betrügerischer Absicht ausgestellten Wechselbrief annullierte. Nach anderen Quellen mußte Eckenberg seinen gesamten Besitz verkaufen, dessen Gesämterlös (900 Taler, 20 Groschen und 8 Pfennige) der Roßhändler einstrich und die Angelegenheit damit als erledigt ansah.
Obwohl ihm in diesen fünfzehn Jahren durch den Leutnant Beyer viel Ärger bereitet wurde, können sie als die Zeit seiner größten artistischen Erfolge bezeichnet werden. Der Herkules Harzmann war nicht nur durch seine unglaublichen Kraftübungen, sondern auch als Quacksalber und Kunstschütze sehr bekannt. Im Vergleich zu anderen Artisten, die mit einer armseligen Bude umherzogen, war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere reich wie ein Fürst. Auf dem Neumarkt in Dresden beschäftigte er in einem großen hölzernen Bau drei Künstlerinnen, eine Holländerin, eine Italienerin und eine Engländerin, die auf dem Seil Luftsprünge und Tänze vorführten, wie man sie zuvor noch nicht gesehen hatte.
Obwohl er so ungebildet war, daß er kaum seinen Namen schreiben konnte, forderte er kühn die Ärzteschaft heraus und behauptete, er sei als Wunderdoktor imstande, bessere Kuren zu verrichten, als seine Gegner. Er wird allerdings wohl genau gewußt haben, daß sein Antimonial-Öl, das er gegen Melancholie und Ischias verkaufte, oder die Büchse, die man anhauchen mußte, um sich gegen Schlaganfall, Taubheit und Blindheit zu sichern, nichts anderes heilen konnten als die Schwindsucht seines Geldbeutels.
Wie aus einer Schrift hervorgeht, zeichnete sich Samson der Unüberwindliche durch 16 Kraftübungen aus:
das Heben schwerer Lasten oder von Männern und Pferden, Festhalten eines Stockes mit den Zähnen, den zwei Männer mit aller Kraft nicht fortreißen konnten; Biegen von Tellern, Nägeln und Münzen u. a. Seine Künste wurden sogar in Versen verherrlicht.
Der preußische Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I, der auf Körpergröße und Körperstärke viel Wert legte, stellte Eckenberg am 14. Juni 1717 ein Pergament aus, das bezeugte, daß er dem König Friedrich Wilhelm I seine Stärke gezeigt habe. Gleichzeitig erhielt er eine Auftrittsgenehmigung. Er gab 32 Vorstellungen, die das große Ereignis von Berlin wurden.
Die Berliner erzählten sich Wunderdinge von der Körperkraft, mit der Eckenberg zuweilen zum Ergötzen seiner Mitbürger derbe Scherze ausführte. So begab er sich eines Tages in einer Sänfte in ein Haus, in dem er zum Mittagessen eingeladen war. Er ließ die Sänfte vor dem Haus bis zu seiner Rückkehr warten. Als er wieder einstieg, sagte er den Trägern, sie müßten sich zusammennehmen, denn er habe so viel gegessen und getrunken, daß er außerordentlich schwer sei. Die Träger lachten über den vermeintlichen Scherz, aber das Lachen verging ihnen bald, als sie unter der Last, die sie zu schleppen hatten, fast zusammenbrachen. Plötzlich ließ Eckenberg anhalten, stieg aus und kehrte nach kurzer Zeit in die Sänfte zurück, diesmal hatte er aber sein Normalgewicht. Die Träger glaubten an Hexerei und liefen davon. In Wirklichkeit hatte der Simson zuvor vier Zentnergewichte unter dem Mantel versteckt gehabt, die er dann entfernte. Er blieb jedoch diesmal noch nicht in Berlin, sondern durchwanderte mit seiner Truppe fünfzehn Jahre lang Deutschland, Belgien, Polen und Schweden.
1731 kehrte er mit einer Truppe von sechsundzwanzig Personen nach Berlin zurück und schlug auf dem Neuen Markt seine Theaterbude auf. Noch immer trat Eckenberg selbst auf. Er zerriß ein Seil, das der Zugkraft von zwei Pferden widerstanden hatte. Er hob ein Pferd mit Reiter und ließ sich Steine auf seiner Brust zerschlagen. Obwohl Friedrich Wilhelm I. die Komödianten, Harlekine und Marktschreier verachtete und teilweise aus seinem Land verbannte, wollte er den Starken Mann Ekkenberg gern in Berlin behalten. Es kam zu einem Übereinkommen:
Eckenberg kaufte ein Grundstück an der Ecke Charlotten- und Zimmerstraße und ließ dort ein Theater bauen. Dafür ernannte ihn der König zum Hofkomödianten und erteilte ihm 1732 das General-Privilegum für Berlin und die Königlichen Lande. Eckenberg durfte zur Rekreation der Leute und Zeitvertreib derjenigen, so nicht viel zu tun haben, künstliche Spiele treiben und Komödien anstellen.
Johann Carl von Eckenberg verstärkte nun seine Truppe und engagierte Schauspieler, deren Namen in der Schauspielgeschichte des 18. Jahrhunderts einen guten Klang bekamen. Der König wurde häufiger Besucher des Theaters, und nach einer Klage Eckenbergs über mangelnden Besuch gab er den Befehl aus, daß alle Kollegien täglich einige ihrer Mitglieder zu Eckenbergs Vorstellungen schicken sollten. Der Herkules Eckenberg leitete das erste ständige deutsche Theater in Berlin. Das Programm bestand aus Marionettenspielen, Singspielen, italienischen Stegreifkomödien und vor allem Hanswurstiaden. Daneben gab es artistische Produktionen sowie seine Kraftdarbietungen. Selbst ein Zahnreißer gehörte zu seiner Truppe.
Bei den reisenden Komödiantentruppen war es durchaus üblich, in den Zwischenakten das Publikum mit allerlei Akrobatenkunststücken und musikalischen Vorträgen zu unterhalten. Diese Zusammenhänge erhielten sich noch bis in die klassische Zeit unserer Bühne. So beeindruckte Friedrich Ludwig Schröder beispielsweise seine Zuhörer. als Hamlet, und im gleich darauffolgenden Nachspiel trat er als tollkühner Springer auf. Aus dieser uralten Bindung zwischen Artistik und Schauspielerei heraus wird erklärlich, daß der erste Berliner Theaterdirektor aus den Reihen der Athleten kam.
Über eine Schwäche Eckenbergs gibt ein Brief des Generalmajors von Dünhoff Auskunft, der schreibt:
...wobei ich aber Ew. Königl. Majestät alleruntertänigst melden muß, daß, wenn ich zu allem Glück gestern nicht in der Comödie gewesen wäre, bald ein Unglück hätte geschehen können, sintemalen der starke Mann und seine Frau sich dergestalt beide besoffen gehabt...
Den König störte das jedoch nicht weiter, und die Theatergeschichte weiß außerdem von anderen Prinzipalen ähnliches zu berichten. Schließlich ernannte der König Eckenberg zum Leiter der Assemblee, einer Art Klub der vornehmen Welt. Eckenberg hatte während der Zeit Friedrich Wilhelms I. stets ein ausverkauftes Haus, da die Majestät keine Konkurrenz zuließ und ihm somit das Monopol sicherte.
Eckenbergs Ansehen erreichte damals seinen Höhepunkt. Die großen Einnahmen (über 100 000 Taler) genügten aber nicht. Der Bau seines Theaters verschlang hohe Summen. Außerdem wurde er leichtsinnig und machte große Schulden. Mit dem Tode von Friedrich Wilhelm I. 1740 waren auch Eckenbergs Privilegien erloschen. Obwohl Friedrich II. dem Herkules zögernd das Theaterprivileg noch einmal erneuerte, erteilte er ihm gleichzeitig die Auflage, Berlin nicht zu verlassen und seine Schulden zu begleichen.
Bald darauf, um 1743, trat aber mit dem weitaus gediegeneren Theatermann Johann Friedrich Schönemann ein ernsthafter Konkurrent auf den Plan. Schönemann erhielt seinerseits ein Privileg, spielte Moliere, Voltaire und Lessing mit führenden Künstlern und lief Eckenberg bald den Rang ab. Eckenbergs Proteste gegen das dem Schönemann erteilte Theaterprivileg wurden zurückgewiesen.
Mit zunehmendem Alter ließen seine Riesenkräfte naturgemäß nach, und obwohl er weiterhin in seiner Schaubude auf dem Spittelmarkt, wohin er vom Neuen Markt gezogen war, auftrat, hatte er nicht mehr solch ansehnliche Einnahmen. In seiner Glanzzeit, als seine Kraftkunststücke große Honorare einbrachten, hatte er es nicht verstanden, für das Alter zu sparen. Durch übermäßiges Trinken versuchte er nun den Ärger zu vergessen, doch wurde seine Lage dadurch nur noch schlimmer. Seine Gläubiger und die Erfolge Schönemanns verbitterten ihm das Leben.
So zog er aus Berlin weg nach Luxemburg; wo er 1748 (nach anderen Angaben 1754) völlig verarmt und vereinsamt Selbstmord beging.
Johann Carl von Eckenbergs Verdienste um die deutsche Schauspielkunst sind später meist verkannt worden. Gottsched nennt jedoch in der Vorrede zum zweiten Teil seiner Deutschen Schaubühne den starken Mann und seine Possenspieler im gleichen Atemzug mit der Neuberin. Unzweifelhaft hat Eckenberg wesentliche Verdienste besonders um das Berliner Theater und Variete.
 

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